Das meinten die anderen zur Inszenierung von „Nathan“
Eine fast schon zu perfekte Inszenierung
Das 2. Programm des Süddeutschen Rundfunks sendete eine Kritik von Jürgen Dieter Ueckert
Man könnte sich fragen, warum dieses aktionsarme „dramatische Gedicht“ Lessings so wirksam auf deutschen Bühnen ständig seine Zuschauer in den Bann schlägt, so tiefgreifend im Gefühl und Verstand der Theaterbesucher hart gerührt – und vielleicht nur Seelenmassage für ein Schuldgefühl, ein reinigendes Gewitter für nach Klarheit drängende Empfindung könnte.
Zu Lebzeiten Lessings war dieses Stück nicht aufführbar. Schillers Bearbeitung des Nathan fand nur gedämpften Beifall des bürgerlich-aristokratischen Publikums. Und das liberale Bildungsbürgertum liebte es außerordentlich, Lessings kritische Intentionen zu verflachen, erhob den Nathan zur Schullektüre. Daher auch die Behauptung, seinen literarisch zentralen Stellenwert in der deutschen Literatur- und Theatergeschichte verdanke der Nathan Lessings meisterlicher Handhabung des fünffüßigen Jambus.
Das Gute tun, weil es das Gute ist
Zwei Jahre von der Publizierung des Nathan im Jahre 1777 war Lessings Schrift über „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ erschienen. Zwei Jahre nach dem Erscheinen des Nathan im Jahre 1781 starb der Autor. Lessings Erziehung des Menschengeschlechts ereignete sich in seiner poetischen Umsetzung als „Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftswahrheiten“. Denn diese allein können jene „Zeit der Vollendung“ herbeiführen, in der der Mensch „das Gute tun wird, weil er das Gute ist“.
„Nathan der Weise“ – ein Alterswerk des großen Vernünftlers deutscher Sprache? Wie ist der behandlungsarme Nathan auf die Haller Treppe zu bringen – in all seinen Dialogen, Monologen, klugen Reden? Zuerst einmal mit Musik. Mit den Tönen eines Zeitgenossen: Mozart. Das Publikum dankte nach jeder Zwischen den Auf- und Abgängen aus Lautsprechern erschallende Tonfolge.
Widerstand gegen einen sakralen Ort
Die Treppe vor der Haller Sankt-Michaelis-Kirche, in ihrer spannungsreichen Zuordnung zu Marktplatz und Kirche, gab Geschlossenheit. Die Schauspieler bewegten sich mit sehr sparsam gehaltenen Gängen auf den Stufen, waren eher statisch als akrobatisch – und boten damit eine Harmonie mit dem Spielort. Jeder von ihnen stolperte – mehr ungewollt als beabsichtigt. Und das war notwendig. Denn das Stolpern verletzte die Perfektion von Architektur und Darstellung, zeigte weltlichen Widerstand gegen einen sakralen Ort, gegen die zu schöne und gute Handlung.
Aber nicht nur ungewollt wurde eine Auflösung der Spannung gebracht. Die Schauspieler zeigten in ihrer bewusst genau gesetzten Sprache, in ihrem Einsatz der schön, der ausgeformten Mitteln des Theaterspielens, die Brüche. Verletzungen, die allerdings aus dem Stück heraus filtrierbar, aus dem gefertigten Schicksal der Personen, aus Lessings Anliegen auf der Bühne umsetzbar sind. Dass sie es auch auf der Treppe waren, das ist ein Verdienst des Regisseurs Kurt Hübner. Er straffte den Text streng, ließ die Geschwätzigkeit nur zu, wenn sie auf diesem Spielort transportabel und notwendig für die Schauspielerei war.
Das muntre Parlieren beim Nathan des Hans Gerd Kübel war zu Beginn, in der Helligkeit des Abends, eine Aufdränglichkeit des Schönschwätzers, eines Menschen, der so gut, so verständlich einherredet, dass man ihm zunächst nur widerwillig zuhören mag. Ein selbstverliebter Wahrheitssucher; aber ein Mann, dem man gern zuhört, wenn er Märchen erzählt.
Und in den Märchen, den Erzählungen, zum Beispiel bei jener der Ringparabel, oder beim ersten Gespräch mit dem Tempelherrn – als Nathan aus Dankbarkeit den verbrannten Zipfel des Mantels küsst und weint – oder bei der Erzählung über die Ermordung der Söhne durch die Christen, gewinnt dieser Nathan eine Heftigkeit, die einen Toleranztrottel weit von sich weist, die erkennbar macht, zu leiden und zu kämpfen. Und Kübel ist ein Nathan, der so voluminös eine Lust zum Leben zeigt, dass sie auf der Bühne in der Lust zum Parlieren sich offenbart – schlicht gesagt: in einer Lust zur Menschlichkeit.
Liebe des Tuchhändlers Nathan
Unterstrichen wird dies von einer weitaufholenden Gestik, von der Fähigkeit dieses Nathan, sich im richtigen Augenblick unterzuordnen. Das heißt, in der sächsisch angehauchten Sprechweise, von der Liebe des Tuchhändlers Nathan zu seiner Ware. Wirft Daja ihm den mitgebrachten Stoff vor die Füße, er hebt ihn auf, und im Antworten glättet er das Tuch, legt es zusammen; ebenso beim Mantel des Tempelherrn geschehen.
Dieser Haller Nathan Hans Gerd Kübels ist kein gütiger verlotternder Knecht der Vernunft; er zeigt den Menschen, auch den Zuschauern, ein Selbstbewusstsein, das mit der lessingschen Diktion besser zur Geltung kommt, das erreichbar ist.
Die Gegenfigur zu diesem Nathan bietet Kurt Hübner im Tempelherrn des Schauspielers Klaus Peter Wilhelm. Kein schwertschwingende, mit gepanzerten Hemdchen versehenes Ungeheuer, sondern eine Figur, die weniger einen Soldaten, umso mehr aber einem jungen Menschen des „Sturm und Drang“ gleicht: ein wenig „Werther“, manchmal kleist‘isch – dem „Homburg“ nahe.
Entschlossen, sein Maß auszuleiden
Ein junger Mann spaziert da über Halls Marktplatz, die Treppe, um die Kirche – in seinem Jerusalem; ein Student, der mit seinem Degen spielt, den Mantel lässig über die Schultern geworfen und so nebenbei – mehr aus Langweile – einen Juden-Mädchen aus den Flammen gerettet hat.
In deutschen Landen anerzogen: das preußische Präsentiergehampel. Ein Markenzeichen, über das die Muselmänner lachen, Nathan mitleidsvoll hinwegsieht. Alles an diesem Tempelherrn ist übertrieben, drängend, deutsch: der Hass auf Nathan, seine Lässigkeit mit den Pfirsichen, die halbgegessen über die Schultern geworfen werden, seine Liebe zu Recha.
Als Nathan ihm dieses Mädchen vorläufig verweigert, kommt es zum Zusammenbruch mit Heulen und Zähnenklappern. Der „Werther“ Goethes, der „… entschlossen, sein Maß auszuleiden“, wird mit diesem Tempelherrn nach dem reinigenden Gewitter nicht schlicht „Klopstock“ sagen, aber der Tempelherr versinkt auch im Strom der Empfindungen, ist ganz nahe dem pietistischen Schrifttum, aus dem Goethe für den Werther schöpfte. Und gleichzeitig ist dieser Tempelherr in seiner Unbedingtheit zu allem fähig. Eine bedenkenswerte schlüssige Interpretation.
In denn weiteren Rollen, die in der Hübner‘schen Fassung sehr kurz gehalten sind. Kann sich behutsam der Klosterbruder von Wolfgang Hepp als bescheidener Aussteiger aus der Gesellschaft zeigen, beweist der Saladin von Wolfgang Schwarz mit robuster Gewalt im Handeln und Denken die Verwandtschaft zum Tempelherrn. Ingeborg Riehl zeigt als Daja eine Aufpassungsfähigkeit, eine Selbstsicherheit, eine Zähigkeit als Voraussetzung hat.
Herbert Padleschat in der Doppelrolle des Patriachen und Derwisch kann im Kirchenfürsten, die seine Anpassungsfähigkeit beinhaltet, direkt umsetzen. In sein Gespräch mit dem Tempelherrn beendet, wird der neue Auftrag an den Klosterbruder Bonafides gesprochen, indem man zur Kirche herausschreitet, der Patriarch die Hand gnädig auf den Buckel des Bruders gedrückt.
Der Humor in dieser Hübner-Inszenierung
Auch wenn die Inszenierung Kurt Hübners fast schon zu perfekt lief, zu glatt geschliffen schien, die Musik bis hin zu Klängen aus der „Zauberflöte“ fragend macht, warum noch niemand den „Nathan“ vertont habe, so bietet diese Freilichtinszenierung doch eine Qualität, die weit über das hinausgeht, was in den vergangenen Jahren zwischen Neuenstadt und Feuchtwangen gezeigt wurde.
Selbst Humor kam in dieser Inszenierung nicht zu kurz. Liegt der Tempelherr bei der Schlußszene auf den Knieen, den Allerwertesten in die Höhe gestreckt, so hebt ihn Saladin nicht – wie von Lessing angewiesen – auf, sondern gibt ihm einen kräftigen Klaps auf die Backen – aus der Lust an der Menschlichkeit.
Von Jürgen Dieter Ueckert
Haller Tagblatt - Das lokale Feuilleton
Freitag 18. Juli 1980, Nummer 164, Seite 12