Samstag, 19. November 2022

Freilichtspiele Schäbisch Hall - Hamlet - 20.06.1997

Zum Auftakt bei den Freilichtspielen in Hall:
 
Hamlet auf der Treppe
 
Von Jürgen Dieter Ueckert
 
Mit Gift und Schwert wird in Schwäbisch Hall schon lange nicht mehr gemordet, wenn es um die ungeliebte Obrigkeit geht. Die vier Oberbürgermeister-Wahlen der letzten Monate  in der betulichen Salzsiederstadt haben gezeigt, daß es mit anonymen Anrufen und Einsprüchen auch geht, wenn man jemanden zur Strecke bringen will, der zuvor zum „schwäbischen König“, sprich OB gekürt wurde. Ob der Intendant der Freilichtspiele Achim Plato deshalb in weiser Vorahnung die nach seinem Dafürhalten für unsere Zeit hochaktuelle Shakespeare-Tragödie „Hamlet“ als Auftaktinszenierung auf die 54 Stufen der gigantischen Treppen-Bühne vor dem Barock-Rathaus setzte? Wer weiß.
 
Auf jeden Fall hat er mit seiner Zweidreiviertel-Stunden-Inszierung einen Klassiker ohne Verrenkungen und modische Mätzchen auf die Treppe gesetzt, der sich in der Freilichttheater-Landschaft Baden-Württembergs und darüber hinaus sehen lassen kann. Auch wenn die Zuschauer gegen 23 Uhr nach zweieinhalb Stunden Zuschauen beim Satz „Finden Sie nicht auch, daß es hier sehr kalt ist.“, klammen Beifall spendeten. Eine viertel Stunde weniger Treppen-Spiel und der Theaterabend auf dem Haller Marktplatz wäre durchaus erträglich geworden – allein wegen der Kälte.
 
Vor allem der Hamlet-Darsteller Thomas Stecher, Schauspieler am Berliner Ensemble, brachte mit seiner Interpretation viel Glanz in die Inszenierung. Nicht nur daß hier endlich mal wieder ein junger Schauspieler auftrat, der verständlich sprechen konnte, sondern weil dieser Hamlet seinen Text in jugendlicher Selbstüberschätzung schwankend zwischen Intellekt und Gefühl auslebte. Er wartete förmlich lauernd auf die Reaktion seiner Mitspieler mit seinen spielerisch hingeworfenen Unverschämtheiten.
 
Mit verhaltener Ironie, bösartigem Sarkasmus und wehleidigem  Schmerz schleuderte er seine Worte wie Pfeile ab – und traf. Das alles in rasantem Wechsel von Gefühlsschmerzen und aufbegehrendem Geist, von hektischer Betriebsamkeit und traurig-schönem Abklopfen der eigenen Befindlichkeit. Aber da kam wenig an spielerischer Reaktion von seinen Kollegen auf der Bühne. Steif und teilweise recht behäbig formten viele ihre Klassikertexte auf der Treppe.
 
Wenn auch zu Beginn des Abends, als der Haller Marktplatz und die Treppe noch in helles Tageslicht getaucht waren, die Mühen im Spiel und um den Text bemerkbar waren, die Nervosität auch des Hauptdarstellers oftmals amüsante Anklänge an den jungen Heinz Rühmann in seinen frühen Filmkomödien erkennen ließen, so fesselte mit einbrechender Dunkelheit das Spiel um tiefe Verletzungen und Rache doch immer mehr. Der Haller Hamlet wurde nahezu unmerklich zu einem Getriebenen seiner eigenen Worte, der nicht will, was geschieht, aber durch die sachlichen Umstände zu Taten veranlaßt wird, die er spielerisch schon längst mit Worten und letztlich in ihrer tödlichen Konsequenz nicht beabsichtigt hat.
 
Achim Plato beläßt die Treppe als Raum, verstellt ihn gelegentlich nur durch riesige Wehrschilder, die Orte des Geschehens andeuten, belegt die Stufen mit überdimensionalen Kissen, auf denen der dänische Hof lagert. Allein der Auftritt der Schauspieler-Truppe mit ihrem Karren, das Theater auf dem Theater, ergänzt die reale Bühnentreppe um ein Riesen-Requisit. Dieser Karren dient dann auch als Friedhof für den Totengräber, von dem Hamlet jenen Schädel überreicht bekommt, der das Stück seit Jahrhunderten illustriert: Der Hauptdarsteller räsonniert mit dem Totenkopf in der Hand über die Vergänglichkeit. Verfälschende Romantiktradition, in so manche Stadttheater und deutsche Intellektuelle gern „ihren Hamlet“ sehen, schimmerte in Schwäbisch Hall gelegentlich durch – wenn auch sehr verhalten.
 
Makaberer britischer Humor in einem politischen  Drama aber kam kaum zum Tragen. Dafür hatte sich die Inszenierung zu ehrfürchtig, demutsvoll und ängstlich dem Klassiker Shakespeare genähert – und den subtilen und schwarzen Shakespeare-Humor nicht ernst genug genommen. Auch wenn  etwas faul ist im Staate Dänemark und die Moral verrottet scheint, Prinz Hamlet ist ja nicht nur ein tragischer Held, sondern darüber hinaus ein höchst amüsanter Unterhalter, der mit Friedhofshumor den Lauf seiner Welt wider die konservative Sitte und die politische Vernunft kommentiert – und daran folgerichtig auf einer leichengepflasterten Bühne zugrunde geht.
 
Unter den Texten in Schlegel-Übersetzung wimmerte und waberte in Hall gelegentlich die Musik von Michael Fuchs sphärisch dahin, oft dröhnte sie zu laut aus den Boxen neben der Kirche Sankt Michael und ließ die Sprache der Schauspieler unverständlich werden. Der Geist von Hamlets Vater (Peter Panhans) in seiner grauen Horrorerscheinung mit wüster Grabesstimme erinnerte doch mehr an Walt-Disney-Märchenfilme. Mozarts Don Giovanni winkte merklich durch die Torbögen der Kirche Sankt Michael zu Hall. Schaurig wie im Puppentheater – eben märchenhaft nett.
 
Seltsam wurstig und kleinbürgerlich spießig gaben sich das Königspaar von Dänemark – Kurt Sternik als Claudius und Heidemarie Wenzel als Gertrud. Und Ophelia, die Liebende und weiblicher Spielball Hamlets, hatte in Julia Christina eine hypersensible und schrille Darstellerin, die somit wirklich nur als willfährige Tochter ihres recht dämlichen Vater Polonius (Paul Weismann) auftritt. Daß sie mit dieser Haltung Hamlet nur nervte, war nicht verwunderlich und durchaus verständlich. Das soll ja auch im wirklichen Leben gelegentlich vorkommen. Aber im Verhältnis Hamlet-Ophelia könnte mehr als dieser flache Aspekt liegen.
 
Kennzeichnend für die Absicht der Inszenierung: Der überaus schlicht vorgetragene Monolog „Sein oder Nichtsein“. Hamlet spaziert mit bloßen Füßen  geradeaus die Treppe herunter – auf einem von einem Scheinwerfer gekennzeichneten Weg, Stufe um Stufe, Satz um Satz. Das ist konzentriert, spannend und die Worte gewinnen eine Kraft, die fesselt und dankbar vom Publikum mit begeistertem Beifall belohnt wird. Wer den englischen Dramatiker Shakespeare und deutsches Freilichttheater mag, der sollte sich diesen Haller Hamlet anschauen. Nicht nur wegen des herausragenden Hauptdarstellers, der sein Drama wie einen spannenden Psycho-Krimi darlegt, sondern auch wegen der einmaligen Marktplatz-Kulisse, in der nun schon seit 72 Jahren auf einer grandiosen  54stufigen Kirchentreppe Theater gespielt wird.
 
 
 
 
 

Freitag, 18. November 2022

15. 06.1985 - Arbeitsergebnisse der Freilichtspiele Schwäbisch Hall 1968 bis 1985

 Reichsstädtischer Tradition verpflichtet

 Von Jürgen Dieter Ueckert

 Schwäbisch Hall besitzt eine Treppe mit 54 Stufen. Wahrlich ein imposantes Bauwerk; ob der Betrachter vom Marktplatz aus hinauf- oder vom Münsterportal hinabschaut. Die Spannung, die dabei erzeugt wird, ist eine ästhetische - von der Architektur vorbestimmte. Man kann immer nur lapidar feststellen „wie schön”.

 Einen vernünftigen Grund, auf der Haller Kirchentreppe sommers Theater zu spielen, die Zuschauer auf den abschüssigen Marktplatz zu setzen, um sie von dort aus Schauspieler bewundern zu lassen, die viele Treppenstufen akrobatisch beturnen - der ist schwerlich herbeizudiskutieren. Es muß ein Besessener gewesen sein, der den Gedanken einst faßte und eine Kleinstadt veranlaßte, ihn in die Tat umzusetzen. Das Haller Treppentheater gebar ein neues Sehen, wertete Zuschauer-Traditionen um: man schaut zum Geschehen hoch statt herunter.

 Treppen in der Oper, in Operetten, im Musical oder im Historien-Drama, Treppen auf Reichsparteitagen - überall dort, wo das stammelnde Imponiergehabe von­nöten ist. Das mag noch angehen, seine Reize haben. Aber eine ganze Bühne - bestehend aus Stufen? Man gewöhnt sich an vieles im Theater. Und wie schnell erst an die Haller Treppe. Warten auf ein Theaterspiel in Schwäbisch Hall; auf einem in Jahrhunderten gewachsenen Platz, umkränzt von ohne einengende Bauvorschriften geschaffenen Bürgerhäusern, die nicht unbedingt stilsicher wirken, aber anheimelnd raunen - das macht Lust aufs Zuhören und -schauen; Bürgermarkt als Kultur-Forum.

 „Kultur in der Provinz” - zwischen den Spielzeiten der Stadt- und Staatstheater, das ist in der Region Franken eine bürgerliche Forderung - von alljährlich knapp 100000 Zuschauern. Eine politisch anerkannte, finanziell gut bezuschußte Forderung. Aber seit Heilbronn sein neues Stadttheater mit ständig wachsenden Rekord-Zuschauerzahlen besitzt, müssen die drei Freilichttheater der Region ihren Platz und Stellenwert deutlicher machen - bestimmt auch neue Zuschauergruppen ansprechen. Theater in der Region Franken ist jetzt mehr als nur ein Sommervergnügen.

 Sommertheater, Freilichttheater, Festspiele - alles bunt lackiert, auf Tradition getrimmt, unverbindliches Klassiker-Inszenieren und derbes Volkstheater - eine neue Biedermeier-Zeit? Eingenebelt von einem Parfüm, das - wie von Duft von großer weiter Welt -  betäubt. Provinzielle Kultur – mit dem Rausche erzeugt? Aber der bodenständige Geruch von Provinz ist zu stark, dringt immer wieder durch. Eine Symbiose?

 Theater-Welt ist es schon, wenn Schauspieler von Film, Funk und Fernsehen, aus Staats- und Stadttheatern in die Kleinstadt kommen. Vielleicht ist es der Reiz, von der alltäglichen, oft zu artifiziellen Theaterherstellung in eine nahezu unberührte Landschaft zu gelangen - nicht in eine Stadttheaterprovinz, sondern in die kleinbürgerliche Aufgeschlossenheit, die von einem großen Engagement fürs Theaterspielen durchzogen ist. Schließlich waren die Freilichtspiele in diesem Jahrhundert entstanden aus dem, was Bevölkerungsschichten bis hinein in die Arbeiterschaft bei den Bürgern des 19. Jahrhunderts adaptiert hatten. Bildung als Krücke zur Emanzipation - Goethes Weimar läßt grüßen.

 Eine Stadt erlebt das Werden von Inszenierungen. Probezeiten für Berufsschauspieler auf ungewohnten Probebühnen - unter freiem Himmel in glühender Sonne oder in Regenmänteln. In Schwäbisch Hall gibt es viele an Skandale sich annähernde, lautstarke Auseinandersetzungen: Schauspieler und Regisseure kontra Fußgänger und Anlieger. 

Da ist auf einmal die Distanz zwischen Bühnenkunst und realer Darstellung auf ein scheinbar unerträgliches Maß geschrumpft. Der Kontakt zum potentiellen Publikum wird unmittelbar. Und genossen wird er auf beiden Seiten, ob später im Wirtshaus oder im Wohnzimmer nacherzählt - es war ein Erlebnis. Geschichten von Gauklern und Bürgern, ihren Berührungsängsten und -freuden sind in Hall an jeder Ecke auffindbar. Ein archetypisches Thema.

 Die Gaukler sind in der Stadt - der Satz schwingt mit beim liebevollen Tätscheln mit dem Wörtchen „Treppenkaschpar”. Ein Satz, der zu den Ursprüngen, zu historischen Qualitäten des mitteleuropäischen Schauspiels führen kann.

Ob Prominente oder nur Darstellender-Schauspieler und Regisseure müssen zei­gen, daß sie auf der Treppe mehr können als zart und geistreich schmelzend spielen. Sie müssen mehr als nur einen Raum füllen, Handwerkzeuge mitbringen, die unter großen Belastungen etwas taugen. Denn die Bühne und der Zuschauerraum sind Treppe, Markt, Häuser und der freie Himmel. Shakespeares Theater scheint hier nicht nur museal.

 Tradition auf der Haller Treppe - das heißt im sechzigsten Jahr immer noch und wieder: der Hofmannsthal'sche „Jedermann”. Vor zehn Jahren gab es die Gennep'sche Version. Eine kleine Verbeugung vor der Tradition - aus Jubi­läumsgründen. In diesem Jahr ist der Diener tiefer, die Haller Tradition wieder mit Leben durchhaucht. Ob der Hofmannsthal'sche 1969 mit guten Gründen abgeschafft wurde? Man wollte in Hall kein Touristentheater und kein Sommertheater'le. Man wollte nichts, was künstlerische Freiheiten einengt, den Blick für das neue, zeitgenössische Theater des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Treppe verstellt.

 Aber Schwäbisch Hall und die Treppe - das hat sich in den Köpfen der Württemberger und darüber hinaus eingefressen - ist gleichzusetzen mit dem Traditionsstück. Vielleicht zeigt der sechzigste Geburtstag, daß „Das Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes” Chance zu einem Mehr an Freiheit sein kann - einschließlich hoher Zuschauerzahlen. Denn Touristentheater wird Som­mertheater bleiben. Das ist und wird es auch immer in den Hochburgen sein - in Bayreuth oder Salzburg.

 Die Öffnung vom hehren, statuarischen Schauspieltheater der prachtvoll-dicken Weltliteratur hin zum sensiblen, auch zum musikalischen Schauspiel auf der Treppe war die entscheidende und richtige Tat von Achim Plato - zum günstigen Zeitpunkt. In den vergangenen zehn Jahren gab es auf den Haller Stufen lebendige, mutige und geistreiche Inszenierungen: Kai Braaks „Amphitryon”, Bruno Felix' „Freiheit in Krähwinkel”, Hans Gratzers „Der Widerspenstigen Zähmung”, Kurt Hübners „Nathan der Weise”, Norbert Schwienteks „Don Juan” oder Achim Platos „Die Venezianischen Zwillinge”. Das waren bestimmt keine bahnbrechenden Regiearbeiten. Es wurden Theater-Formen gezeigt, die andernorts längst erprobt und ausdiskutiert waren. Aber für Sommertheater schienen die Haller Inszenierungen neu, von erregender Kraft und phantasiereichem Geist geprägt.

 

Wenn Freilichttheater professionell gearbeitete Inszenierungen in einer nicht nur auf Wirkung, sondern auch intellektuelle Ordnung zielende Dramaturgie bietet, mit dem Einsatz engagierter Schauspieler, die ihren Text nicht selbst-gefällig abspulen, sondern in der Sommerfrische des Theaters hinter den Text-vorlagen gearbeitet haben, dann hat Freilichttheater nicht nur einen Unterhaltungswert für Familienausflüge und Betriebsfeiern, sondern erfüllt auch den Anspruch gesellschaftlich abgesicherte Werte zu befragen.

 Schwäbisch Hall konnte in den letzten Jahren Anregung geben - über den schönen und luftigen Sommer-Theaterabend hinaus -, vielleicht bei dem einen oder anderen Zuschauer sogar geistige Prozesse in Gang setzen fürs verstärkte Nachdenken über so alltägliche Themen wie Recht und Unrecht, Schuld und Reinheit, Krieg und Frieden, Demokratie und Diktatur, eigenverantwortliches Handeln und Schicksal - die vielen kleinen Schwächen und Stärken menschlichen Lebens. Das muß und soll sein - neben der puren Unterhaltung. Denn Theater unter freiem Himmel ist auch ein Instrument der Aufklärung.

 Bei der Herstellung und Konzeption von Theater für die Haller Freilichtspiele hat es in den letzten zehn Jahren oft harte Auseinandersetzungen gegeben, Skandale - aber auch immer wichtige Diskussionen. Eine Offenheit des Geistes, die erhalten bleiben sollte. Denn sie ist selten in Sommertheatern anzutreffen. Die guten freiheitlichen Aspekte reichsstädtischer Tradition verpflichtet - auch die Haller Treppenspiele.

 Aus „Arbeitsergebnisse der Freilichtspiele Schwäbisch Hall 1968 bis 1985“, 200 Seiten, Schwäbisch Hall, Juni 1985 

 

 

 

23.06.2022 - Kurt Hübners "Kaufmann von Venedig"

 Freilichtspielen in Schwäbisch Hall – Shakespeare „Der Kaufmann von Venedig“

Die Einsamkeit der alten Männer

Von Jürgen Dieter Ueckert

In Deutschland tut man sich schwer mit einer Komödie, auch wenn Shakespeare ihr Verfasser ist. Der Jude als Christenhasser, der vor der Tötung eines Menschen nicht zurückschreckt, um sein Recht zu erhalten. Ein von krankhafter Bosheit durchsetzter Mensch: der Shylock im Kaufmann von Venedig: das könnte leicht in einen Antisemitismus abgleiten. In England hat die Darstellung des geifernden Juden Shylock Tradition.

Kurt Hübner, Intendant der Freien Volksbühne Berlin, wollte in seiner Freilichtspiel-Inszenierung in Schwäbisch Hall dem Vorurteil keinen Vorschub leisten. Für ihn ist es  Shakespeare pralles Leben, kein praller Realismus, der Jude schlicht der Außenseiter wie viele andere in früheren und heutigen Gesellschaft. Außenseiter, weil er einer Minderheit angehört, wie viele Türken, die Homosexuellen und viele andere.

Das Stück aber trägt den Titel „Der Kaufmann von Venedig“, bei Shakespeare sogar „The most excellant history oft he merchant of Venice“. Die höchst vortreffliche Geschichte des Kaufmanns Antonio wurde in der ersten Premiere bei den Haller Treppen-Festspielen erzählt – in einer Übersetzung und Bearbeitung des Professor Hübner. Eine holzschnittartige Ausformung und strenge Raffung des Geschehens kam dabei zustande, ein Shakespeare-Schauspiel ohne die Treppe verstellende Kulisse, rein und zart zugleich, mit dem Schleier der Melancholie verhangen.

Auf den 54 Stufen von Sankt Michael ein Theater, das  ähnlich wie zu den Dichters Zeiten das Wort und die Aktionen nur gelten ließ. Atmosphäre boten Kirche, Treppe, Markt und Spiel. Hübner ging zurück zu den Quellen, verzichtete wie im Globe-Theatre auch auf historisierende Kostüme, zeigte Menschen in den Kleidern der Zeit – das heißt vornehmlich unseres Jahrhunderts.

Venedig gerät dabei zu London City: Geschäftsleute mit Bowler, Cut und Regenschirm spazieren über den Markt, von Geschäften kommend, Informationen austauschend, neuen Handel in Angriff nehmend. Dandys, juntge Frauen in Sommerkleiden, Jugend in Turnschuhen und lockerer Sportkleidung sind unterwegs  zu vergnügen – und Juden im Kaftan oder auch schon angepasst im Gehrock treten auf. Theater ist in unserer Welt und nicht ein entrückter Platz im Lande einer unverbindlich-traumhaften Märchen-Literatur. Jochen Schiff hat keinen einheitlichen Stil in seiner Ausstattung verfolgt. Er zitierte schichtenspezifische Signale.

Die Höchst vortreffliche Geschichte des Kaufmanns: das ist bei Hübner die Geschichte eines alterndes Mannes, der für seine Sehnsucht keinen Platz mehr in der venezianischen Gesellschaft findet. Antonio ist ein ehrenwerter Bürger und Kaufmann, mit allen Rechten, ein Händler, dessen Geschäfte mal gut, mal weniger laufen.

Auf jeden Fall ist er ein reicher Müßiggänger, der in den veräußerlichen Normen der Stadt verankert ist. Seine Seele jedoch ist geschunden – von einer Liebe, die keine Erfüllung mehr findet. Bassanio, das Objekt seiner Anbetung, saugt ihn aus, nimmt ihm Kraft, sein Geld.

Die Stärke bei diesem Außenseiter ist wie bei beim Juden der allgemeine anerkannte Werte der venezianischen Gesellschaft: Kapital. Shylock: „Ihr nehmt mein Leben, wenn ihr  die Mittel nehmt wodurch ich lebe.“ Abgespeist mit einem Dankeskuss, der Sekunden geheimer Erotik in sich trägt, dessen fruchtbare Fortsetzung aber bei Bassanio einer Frau gehört. Die sichere Stütze für Kaufleute ist Geld, mit dem Triebe befriedigt werden können, aber keine gekauft werden kann.

Der Jude Shylock, des Kaufmanns Widersacher, ist gleichsam einsam. Wenn auch das Scheitern des Juden existentieller ist, so wird in der Hübner-Inszenierung Shylock letztlich lebendiger: er lebt mit Gut und Geld in seiner mit einem Christen verheirateten Tochter. Antonio verdorrt kinderlos in seinem wiedergefundenen Reichtum. Shakespeare radikal genau interpretiert.

Das Bespucken und Beleidigen ohne Grund, das Shylock durch Antonio erfahren muss – das scheint ein zwangsläufiger Hass. Der Unterdrückte braucht seinen Juden. Der nur formell in der Gesellschaft anerkannte Homosexuelle Antonio wird von Walther Reyer in einer äußerlich lauten, Schwächen übertüchenden Figur geboten: die Depression als begleitender Schatten.

Gläubig naiv im doppelnden Sinn des Wortes setzt der Ostberliner Schauspieler Wolf Kaiser seinen Shylock in schwerfällige Bewegung: gläubig im Geschäft, gut und langsam rechnend, mehr als zwei logische  Schlüsse  sauber verbindend. Gleichzeitig steht dieser Jude fröhlich in der religiösen Tradition seines Volkes, Geschichten erzählend – und während des Erzählens daraus lernend. Er ist damit nie zornig à priori, sondern denkt sich in seinen Zorn, die dann als Summe der Taten anderer in ihm Emotionen weckt.

Dieser Jude kann leicht vergeben um des lieben Friedens willen. Als der Peiniger Antonio von ihm borgen will, nimmt er keine Zinsen, nur ein Pfund Menschenfleisch als Pfund, aus purem Spaß am neuen Frieden. Die Rache wird ihm von einem der Antonio-Freunde durch die Entführung seiner Tochter aufgezwungen.

Somit ist die koexistente Welt des Juden auf Sand gebaut. Der Spaß wird zu seiner Schande, weil es nicht mehr sein Spaß ist. Er scheitert am Buchstaben des papiernen Gesetzes, weil er nicht zwischen den Zeilen lesen kann, die Gründe der Macht im Staate von ihm nicht mitgedacht wurden.

Staunend und nahezu sprachlos lässt Kaiser seinen Shylock die Trümmer anschauen, die durch sein fehlerhaftes Denken entstanden sind. Einsam schleicht er sich in die Ruinen seines Seins. Sieger auf ganzer Linie ist die junge Generation, die schmarotzenden Erben, die in der Hübner-Inszenierung puppenhaft steif, ohne Charakter bleiben.

Jahrhundertelang lachte das Theaterpublikum über den Shakespeare-Juden, der als komische Figur gezeichnet wurde.  Viel von den skurrilen Greisen der Commedia steckt ja in ihm.  Aber der völkermordende, deutsche Antisemitismus ist nicht auslöschbar. So bricht auch die Hübner die Komödie. Das lockere Leben der Jugend wirkt daher umso oberflächlicher, verantwortungsloser.

Als dritte tragende Figur – neben Shylock und Antonio – tritt in der Haller Inszenierung Ilja Richter als Diener des Shylock, Lanzelott Gabbo, auf. Ein genau arbeitender Komiker lässt auf der Treppe ein virtuoses Feuerwerk an sprühenden Einfällen, beinahe eine Shakespeare-Rüpel-Parodie ablaufen. In wohlgeformter, abgezirkelter Pantomime und Akrobatik wird ein Extra-Schauspiel geboten, das seinen Höhepunkt im Wiedersehen mit dem blinden Vater Gabbo hat, der von Christine Plonka sabbernd-Kreischend als bettelarmer Greis fröhlich geboten wird. Einen drauf setzt Richter wenige Momente später mit seinem Prinzen Marokko, der mit seinem Franz-Deutsch gelegentlich in einen Werbesprüche-Arabisch abgeleitet. Die Klamotte lässt freundlich grüßen.

Torsohaft blieb die Richter-Komik jedoch im Gesamterscheinungsbild der Inszenierung. Nur in der Gerichtsszene wurde nochmals versucht, hier anzusetzen: In einer Travestie, Frauen als gelehrte Juristen, die in der Übertreibung steckenblieb. Schauspieler-Gelächter auf der Treppe in peitschender Aufgesetztheit: Komödie ist, wenn Zuschauer lachen über gefährdete, bedrohte, dem Untergang nahe Personen auf der Bühne.

Humor- und wirkungsvoll Dagegen waren die verfressenden Menschen-Pfauen im Garten der Portia, der Doge auf seinem Menschfleisch-Thron, die Gongs als Szenenabschlüsse. Hier bot sich ein Ansatz, der die Komödie kritischer und spritziger gemacht hätte.

Kurt Hübner inszenierte vor drei Jahren auf der Treppe die Geschichte des Juden Nathan. Sie findet im Kaufmann ihre Fortsetzung: eine Minderheit klagt Menschlichkeit ein. Die klingende Heiterkeit der Shakespeare-Komödie bleibt damit zwangsläufig außen vor.

Kurt Hübner wählte den Kompromiss: im Komödienhaften ist bei ihm immer der Anflug von Tristesse, das Misstrauen vor dem Lachen der Masse. Ein Kaufmann in der Sogwirkung einer Tragikomödie: nach dem Fest und dem Zorn bleibt der Alltag, die Einsamkeit der Gewinner und Verlierer.

 

Süddeutscher Rundfunk, Kulturreport, Samstag, 23.06.1984

Neckar-Express, Nummer 26, Donnerstag 28.06.1984

Rhein-Neckar-Zeitung, Samstag, 30.06.1984

10.08.1078 - Achim-Plato-Portrait

Das Portrait

Achim Plato

Zehn Jahre Theater-Leiter der Freilichtspiele Schwäbisch Hall

Für Achim Plato liegt das „Erlebnis Theater“ und seine Fortsetzung im Beruf des alltäglichen Lebens in der Kindheit begründet. Genauer gesagt – in einem „Erlebnis, das ein Keim für meine Theaterleidenschaft war“. Die Heimatstadt Dresden lag 1945 in Schutt und Asche. Das ehemalige „Komödienhaus“ war nur - dank der Einrichtung von Bretterwänden - bespielbar.

Weihnachten 1945 stand von der Tür. Man spielte ein Märchenstück „Blinke Blitzchen“. Vermummt in dicke Schaals, Wollmützen und Mäntel saßen Kinder und Erwachsene in diesem Theater-Provisorium.

„Aber als der Vorhang sich öffnete und ein hellerleuchtete Himmel sichtbar, waren für mich und die Mit-Zuschauer die trostlosen Ruinen-Trümmerhaufen in Dresden vergessen.“ Erinnert sich Achim Plato heute. Nach seinem  ersten unvergesslichen Theatererlebnis gingen er und seine Tante nach Hause. Die Stromsperre hatte eingesetzt. „Und trotzdem feierten wir Weihnachten - aber die sächsische. Und die war und sind besonders schön.“

Achim Plato ist der erstgeborene Sohn eine Kaufmanns. Zur Welt kam er 8. März 1936 in Riesa, einem Vorort von Dresden. Noch in wacher Erinnerung sind ihm die Ereignisse der grauenhaften Zerstörung der sächsischen Metropolen –durch vier Angriffswelle der Royal Air Force (RAF) und United States Army Air Forces (USAAF) vom 13. bis 15. Februar 1945.

 „Die Nachmittagsangriff am 13. Februar 1945 erlebten meine Mutter, mein sechs jüngere Bruder und ich im bei einem Spaziergang. Wir konnten uns in einem Luftschutzbunker retten. Ein Onkel von mir holte am Abend in sein Haus in Plauen, einem Vorort auf der Höhe auf der Anhöhe um Dresden. Und von dort aus sah ich den Nachtangriff aus Dresden, der völligen Zerstörung meiner Heimatstadt.“

Feuerwerke sind für Achim Plato seit dem ein Gräuel: „Ich empfinde keine Freude bei Feuerwerken – ich erinnere mich jedes Mal an diese schreckliche in Dresden.“

Im Jahre 1942 war Achim Plato eingeschult worden. Später besuchte er in Dresden das Humanistische Gymnasium. Erinnerungen aus der Kinderzeit in Ruinen? „Ich sah auch die poetischen Seiten dieser Trümmer. Als Kind spielte ich viel in diesen Ruinen. Als Jugendlicher habe ich eine Menge Zeichnungen von den Dresdener Ruinen  angefertigt.“

Die Russen waren eine verhasste Besetzungsmacht in? „Die Besatzungsmacht, die Russen, ist mir eigentlich  nur in guter Erinnerung geblieben. Sie war sehr kinderlieb. Wir haben oftmals  ganze Eimer voller Erbsensuppe nach Hause geschleppt, die wir von den russischen Soldaten geschenkt haben.“

Ein anderes Ergebnis diese Kinder-Kriegsgeneration: „Ich wuchs praktisch ohne Vater auf. Als der Krieg begann, war ich drei Jahre alt. 1945, beim Kriegsende war ich neun geworden. 1949 erst kam mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Da wurde ich 14 Jahre alt.“

„Was mir als Jugendlicher besonders auffiel, das war, dass meine Eltern  unter großen Entbehrungen für unsere Familie sorgten.  Meine Mutter fuhr tagsüber oft mit ihrem Rad auf das Land, arbeitete hart bei den Bauern, um am Abend mit zwei Litern Milch heimzukehren.“ Und sein Vater fuhr mit seinem Fahrrad „hamstern“. Man nannte das damals,  damit die Familie das Notwendige zum Essen hatte.

In die Bundesrepublik, in den „goldenen Westen“ seines Vaterlands Deutschland, zog Achim Plato 1955 – besser gesagt - er „floh“. Nicht Abenteuerlust trieb den jungen 19 jährigen Mann, sondern politische Verfolgung -  er saß zwei Jahre in Dessau in Jugendhaft – und in  verschiedenen Stasi-Gefängnissen eingesperrt. Darüber schweigt er heute. Warum? Keine Antwort.

Warum Achim Plato nach seiner Flucht nach West-Berlin Stuttgart als Zielort angab, als man ihn im Berliner Flüchtlingslager fragte, wohin er wolle -  das kann Achim Plato heute nicht mit Bestimmtheit sagen. „Ich wusste nur, dass in Stuttgart dort viele Verlagshäuser sind, viele Dichter herkommen, gutes Theater gespielt wird.“

Nach Aufenthalten in diversen Flüchtlingslagern in Baden-Württemberg landete Achim Plato nach Esslingen - und arbeitete als Flaschner- und Installateur-Gehilfe. Aber es stellte sich bald heraus, „das war nichts für mich“. Der nächste „Beruf“ war  für ihn kaufmännischer Angestellter. „Danach war ich Versandleiter in einer Firma für Krankenhaus-Bedarfsartikel. In dieser Zeit lernte ich das Land kennen, durch die Fahrten von Krankenhaus zu Krankenhaus.“

Neben der täglichen Arbeit besuchte Achim Plato am Abend die Schauspielschule in Stuttgart. Er erhielt in dieser Privat-Schule Unterricht von den bekannten Schauspielern Erich Ponto und Lilo Barth. 1961 kam seine Schauspielprüfung, die er bestand. Die erste Rolle bekam er noch während der Schauspiel-Zeit in der „Theater der Altstadt“ bei Elisabeth Justin.

Für den jungen Schauspieler Achim Plato gab es dann Engagements am Jungen Theater Göttingen,  am Staatstheater Darmstadt, am Stadttheater Ingolstadt und am Pfalztheater Kaiserslautern. Dort „durchforstete“ er die gesamte Sparte des Schauspiels: Operette, Musical, Liebhaber- und Komiker-Rollen. Nebenher gab es auch schon kleine Rollen im Fernsehen.

1962 kam er, der „Musterschüler Lilo Barths in Stuttgart“ nach Schwäbisch Hall zu den Freilichtspielen – bei dem „legendären“ Intendant Wilhelm Speidel. Als Regieassistent und Schauspieler war er engagiert. Und seitdem ist Achim Plato in jedem Sommer bei den Haller Treppen-Spielen mit dabei.

In den letzten vier Jahren im Leben des  Speidels war Achim Plato persönlicher Referent des Intendanten.  „Ich hatte das Geld zu verwalten, Verträge im kleinen Ausmaße abzuschließen.“ Regiearbeit lernte Plato bei Wilhelm Speidel und bei Ludwig Berger, einem Regisseur aus dem Berlin der zwanziger Jahre, der in der Emigration in Hollywood Filmregisseur war.

„Ludwig Berger war ein Shakespeare-Forscher, ein Mann von ungeheurer geistiger Disziplin. Wenn ich ihn in seinen letzten Jahren seines Lebens besuchte, gab es nach dem Abendessen eine Regie-Aufgabe. Irgendeine Shakespare-Szene musste gelöst werden. Das Ergebnis war beim Frühstück vorzulegen. Bei Ludwig Berger  lernte ich die theoretische Seite der Schauspiel-Regie ausführlich, bei Wilhelm Speidel lernte ich die praktische Seite für die Treppe in Hall.“

Nach Wilhelm Speidels Tod 1968 wurde Achim Plato zunächst „künstlerischer Treuhändler“, später dann 1973 „Künstlerischer Leiter“ der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. Plato bearbeitete zunächst die Speidel-Inszenierungen des „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal - und später das „Salzburger große Welttheater“. Bei beiden Schauspielen führte Achim Plato dann dadurch auch Regie.

Achim Platos  Regiearbeiten später dann auf der Haller Treppe: „Weibervolksversammlung“ (Aristophanes), „Die lustigen Weiber von Windsor“ (Shakespeare) und „Die Räuber“ (Schiller). Wenn die Festspiele in Hall vorüber sind, dann inszeniert Plato in den Normal-Spielzeiten an anderen Bühnen des deutschen Theaters, so zum Bespiel in Bregenz, Göttingen oder Marburg. Häufig tritt Plato im deutschen Fernsehen als Schauspieler auf. Und über vier Jahre hinweg leitete auch eine Theatertruppe in der Jugendstrafanstalt Hall.

Rückblick auf seiner Theaterarbeit auf der zehn Jahre in der Theaterarbeit auf der Haller Treppe – Achim Plato wird ideologisch: „Wir haben die Treppe in ihrem Lebensraum gesehen und betrachtet, den Marktplatz, die alten Häuser und das Barock-Rathaus. Hier spielten sich in den Jahrhunderten Tragödien und Komödien ab. Bettler lungerten auf der Treppe, das Volk ging die Treppe zum Sakralbau  hinauf.“

Achim Platos  Logik daraus:  „Wir wollten nach Wilhelm Speidel in unserer Theaterarbeit auch zeigen, dass man auch wieder die Treppe hinuntergehen kann, in unsere Welt des Alltags. Das Konzept, auch Komödien zu zeigen, modernes Theater von Brecht, Dürrenmatt und Sartre spielen, das hat sich bewährt.“

Platos Fazit nach achtzehn Jahre Treppen-Spiel in Schwäbisch Hall:  „Hätten wir die Öffnung der Freilichtspiele nicht gemacht, der Spielplan wäre erstarrt. Gastregisseure wie Kurt Hübner und Kai Braak haben ihre besonderen Handschriften auf der Treppe eingemeißelt.“

 Jürgen Dieter Ueckert

Donnerstag, 10. August 1978 / Neckar Express / Rhein-Neckar-Zeitung

 

Montag, 31. März 2014

Freilichtspiele Hall - Brechts "Dreigroschenoper" (1982)

Bert Brechts „Dreigroschenoper“ in Schwäbisch Hall

Sommertheater vor und auf der Treppe

Von Jürgen Dieter Ueckert

Die Eröffnungspremiere auf den 54 Stufen der rund siebzig Meter breiten Treppe vor Sankt Michael in Schwäbisch Hall zog auch in diesem Jahr wieder Prominenz an. Neben ehemaligen Ministern des Landes, wenigen hohen Staats­beamten und anderen ließ sich auch der baden-württembergi­sche Ministerpräsident Lothar Späth unter dem Zuschauervolk blicken - von einem matten Be­grüßungsapplaus begleitet.

Der ein wenig stärkere galt später den Schauspielern.- nach dem Spiel auf der Treppe in ba­rocken Rathaussaal.  Kurz nach Mitternacht beim Stehempfang für das Ensemble, ließ der Regierungschef in einer kleinen Ansprache launisch anklingen, daß die Bettleroper ihm vor allem gefallen habe, weil das Thema ja die derzeitige Finanz­situation im Lande beschreibe. Man bediene sich zur Behe­bung nur anderer Mittel, als bei Brecht gezeigt.

Der hochwillkommene Gast kulturpolitisch: er sang ein Lob auf das „Konzept der dezentra­len Kunstförderung". Das er­freute den Oberbürgermeister der Salzsieder-Stadt am Kocher, Karl Friedrich Binder, der zuvor noch seine ängstlich klingende rhetorische Frage nach den Bettlern auf der Treppe mit ei­nem Selbstvertrauen einflößen­den „Ja" beantwortet hatte.

Schließlich hätte es auch in frü­heren Jahrhunderten - histo­risch belegt - Bettler auf der Haller Treppe gegeben. Denn Reich und Arm, Hoch und Nie­der - sie hätten alle von jeher ihren Auftritt auf der Treppe ge­bt, nicht nur als Schauspieler. Brechts Dreigroschenoper als Parodie-Vorlage für die Staats­gewalt bei Brötchen und Wein?

Der Dichter hätte vielleicht - so er das lebend mitangesehen und - gehört - gegen dieser Art der Vereinnahmung prozes­siert, wie einst gegen die Verfil­mung des Dreigroschenoper-Stoffes. Jedenfalls gegen die Aufführung in der Haller Fas­sung hätte er bestimmt Protest eingelegt, wenn sie nicht gar verbieten lassen.

Die Inszenie­rung von Achim Plato wollte - so schien es mir - den Revue-Cha­rakter des Stückes herausarbei­ten. Der Anfang dafür war auch vielversprechend. Das Ensem­ble zeigte sich auf der Treppen­bühne: Bettler, Polizei, Gang­ster, Huren. Man sang flüsternd seinen „Haifisch, der Zähne“ hat. Standbilder wurden gezeigt; das heißt, Schauspieler zuckten sich zu verkrüppelten Bettlern zurecht - zum Beispiel.

Das Revuehafte der Inszenierung sollte ein Stahlgerüst unterstreichen, das in drei Ebenen aufgeteilt war, umspannt von Glühbirnenketten, die entwe­der buntes, rotes oder das land­läufige Glühbirnenlicht verstrahlten. Die Musik für die Songs kamen vom Band, in ei­ner Mischung aus trägem Dis­co-Sound und müder Barmusik-Berieselung, von Paul Vincent Gunia arrangiert, so daß die in­tensiven Rhythmen der Kurt -Weill'schen Tonfolgen wie ein zäher Brei über die Treppenstu­fen flössen.

Zu dieser Art der Verkrüppe­lung des Spiels gesellte sich noch eine eigentümliche Auf­fassung der Verfremdung in dieser Treppen-Inszenierung. Wurde ein Song fällig, unter­brachen die Schauspieler ihr Spiel, begaben sich flugs an ei­nen Ort, an dem ein Mikrofon aufgestellt war, prüften ihre Stellung mit kurzem Blick zum Aufnahmegerät - und weiter ging's gesanglich im Text.

An­sonsten bemühte man sich ums Publikum: Miteinander wurde von den Schauspielern selten gespielt. Das Gesicht und die Ansprache zum Zuschauer soll­ten Brechts Forderung nach „Übermittlung des Stoffs" ge­recht werden. So eingleisig hat­te der Meister seine Vorstellung vom epischen Theater nicht aufgefaßt - wie seine „Anmerkun­gen zur ,Dreigroschenoper' “ zeigen.

Denn der Schauspieler „muß natürlich jene Haltung einneh­men, durch die es sich der Vor­gang bequem macht". Er muß jedoch auch noch Beziehungen - so Brecht - zu anderen Vor­gängen als denen der Fabel ein- gehen können, also nicht nur die Fabel bedienen.

In Achim Platos Inszenierung sind die Banditen zum Beispiel aus­nahmslos Typen der miesesten Art, Verbrecher mit schlechten Manieren, dumme Gangster-Visagen in Prolo-Manier. Bei Brecht sollen es „natürlich ge­setzte Männer" sein, „teilweise beleibt und ohne Ausnahme au­ßerhalb ihres Berufes umgäng­lich". Die Schauspieler können hier - so Brecht - die Nützlich­keit bürgerlicher Tugenden und die innige Beziehung zwischen Gemüt und Gaunerei zeigen.

In der Haller Version gehen diese Bezüge aber unter. Die Auseinandersetzungen zwi­schen dem Bettlerkönig Peachum, der die Bettler auf einer primitiven Stufe ausbeutet, und dem modernen Gangstertum ei­nes Mackie Messer sind schlicht gestrichen. Die ökono­mischen Sentenzen, die Erklärungen zum kapitalistischen

Wirtschaftssystem sind eben­falls - bis auf geringe Ausnah­men - weggefallen. Es bleibt die Liebesgeschichte zwischen Polly Peachum und Macheath, die unerfüllte Soldatenliebe zwischen Mackie Messer und Jack Brown, dem obersten Poli­zeichef von London.

Dank dieser Inszenierung führen die Songs ein nicht die Story verbindendes Eigenleben. Mit einigen müden Gags ver­suchte man das ansonsten lang­weilige Geschehen aufzumuntern. Vor allem natürlich bei der Hochzeitsfeier von Mackie und Polly mit der „Platte", den Gangstern. Bei dem mit Vorur­teilen schlichter Art - ohne Auf­lösung - übersäten Geschehen in Hall, der holzschnitzartig herausgearbeiteten Geschichte, wurde doch sichtbar, daß es einige schauspielerische Bemü­hungen gab.

Hans Peter Hallwachs als Ma­cheath versuchte eine emotionslose Schnauze. Aber dabei blieb es auch. Herbert Stass als Jonathan Peachum zeigte eben­falls mit einer Ebene seiner Darstellungskünste eine ganze Menge an Qualität. Bei der Spelunken-Jenny der Johanna Lie­beneiner wurde vielschichtig gearbeitet, sowohl in den Songs als auch in den Sprechtexten. Susanne Heydenreich als Polly verließ sich auf eine platte In­terpretation in Gegensätzen und Wolfgang Schwarz als Poli­zeichef Brown stellte mehr aus statt dar.

Aber bei dieser simplen Volksausgabe einer gereinigten Dreigroschenoper in der Insze­nierung des Freilichttheater-In­tendanten Achim Plato wurden ja nicht nur Schauspieler in ih­rem Können eingeschränkt, auch der Text wurde um seine Bedeutung gebracht. So reinigt man für Sommerfestspiele Klassiker  - für das Touristentheater. Und das noch nicht einmal auf dem Original-Spielort „Treppe" in Hall, sondern auf dümmlichen Podesten, einem sehr einfallslosen Bühnenbild vor einer für diese Oper doch geradezu grandiosen Kulisse.

Mittwoch, 19. Februar 2014

Freilichtspiele Hall - 25 Jahre - JDUeckert Aufsatz (1985)

Freilichtspiele Schwäbisch Hall 1968 - 1985

Reichsstädtischer Tradition verpflichtet

Von Jürgen Dieter Ueckert

Schwäbisch Hall besitzt eine Treppe mit 54 Stufen. Wahrlich ein imposantes Bauwerk; ob der Betrachter vom Marktplatz aus hinauf- oder vom Münsterportal hinabschaut. Die Spannung, die dabei erzeugt wird, ist eine ästhetische - von der Architektur vorbestimmte. Man kann immer nur lapidar feststellen „wie schön”.

Einen vernünftigen Grund, auf der Haller Kirchentreppe sommers Theater zu spielen, die Zuschauer auf den abschüssigen Marktplatz zu setzen, um sie von dort aus Schauspieler bewundern zu lassen, die viele Treppenstufen akrobatisch beturnen - der ist schwerlich herbeizudiskutieren. Es muß ein Besessener gewesen sein, der den Gedanken einst faßte und eine Kleinstadt veranlaßte, ihn in die Tat umzusetzen. Das Haller Treppentheater gebar ein neues Sehen, wertete Zuschauer-Traditionen um: man schaut zum Geschehen hoch statt herunter.

Treppen in der Oper, in Operetten, im Musical oder im Historien-Drama, Treppen auf Reichsparteitagen - überall dort, wo das stammelnde Imponiergehabe von­nöten ist. Das mag noch angehen, seine Reize haben. Aber eine ganze Bühne - bestehend aus Stufen? Man gewöhnt sich an vieles im Theater. Und wie schnell erst an die Haller Treppe. Warten auf ein Theaterspiel in Schwäbisch Hall; auf einem in Jahrhunderten gewachsenen Platz, umkränzt von ohne einengende Bauvorschriften geschaffenen Bürgerhäusern, die nicht unbedingt stilsicher wirken, aber anheimelnd raunen - das macht Lust aufs Zuhören und -schauen; Bürgermarkt als Kultur-Forum.„Kultur in der Provinz” - zwischen den Spielzeiten der Stadt- und Staatstheater, das ist in der Region Franken eine bürgerliche Forderung - von alljährlich knapp 100000 Zuschauern. Eine politisch anerkannte, finanziell gut bezuschußte Forderung.

Aber seit Heilbronn sein neues Stadttheater mit ständig wachsenden Rekord-Zuschauerzahlen besitzt, müssen die drei Freilichttheater der Region ihren Platz und Stellenwert deutlicher machen - bestimmt auch neue Zuschauergruppen ansprechen. Theater in der Region Franken ist jetzt mehr als nur ein Sommervergnügen.

Sommertheater, Freilichttheater, Festspiele - alles bunt lackiert, auf Tradition getrimmt, unverbindliches Klassiker-Inszenieren und derbes Volkstheater - eine neue Biedermaier-Zeit? Eingenebelt von einem Parfüm, das wie von Duft von großer weiter Welt betäubt wird. Provinzielle Kultur – mit dem Rausche erzeugt? Aber der bodenständige Geruch von Provinz ist zu stark, dringt immer wieder durch. Eine Symbiose?

Theater-Welt ist es schon, wenn Schauspieler von Film, Funk und Fernsehen, aus Staats- und Stadttheatern in die Kleinstadt kommen. Vielleicht ist es der Reiz, von der alltäglichen, oft zu artifiziellen Theaterherstellung in eine nahezu unberührte Landschaft zu gelangen - nicht in eine Stadttheaterprovinz, sondern in die kleinbürgerliche Aufgeschlossenheit, die von einem großen Engagement fürs Theaterspielen durchzogen ist. Schließlich waren die Freilichtspiele in diesem Jahrhundert entstanden aus dem, was Bevölkerungsschichten bis hinein in die Arbeiterschaft bei den Bürgern des 19. Jahrhunderts adaptiert hatten. Bildung als Krücke zur Emanzipation - Goethes Weimar läßt grüßen.

Eine Stadt erlebt das Werden von Inszenierungen. Probezeiten für Berufsschauspieler auf ungewohnten Probebühnen - unter freiem Himmel in glühender Sonne oder in Regenmänteln. In Schwäbisch Hall gibt es viele an Skandale sich annähernde, lautstarke Auseinandersetzungen: Schauspieler und Regisseure kontra Fußgänger und Anlieger. Da ist auf einmal die Distanz zwischen Bühnenkunst und realer Darstellung auf ein scheinbar unerträgliches Maß geschrumpft. Der Kontakt zum potentiellen Publikum wird unmittelbar. Und genossen wird er auf beiden Seiten, ob später im Wirtshaus oder im Wohnzimmer nacherzählt - es war ein Erlebnis. Geschichten von Gauklern und Bürgern, ihren Berührungsängsten und -freuden sind in Hall an jeder Ecke auffindbar. Ein archetypisches Thema.

Die Gaukler sind in der Stadt - der Satz schwingt mit beim liebevollen Tätscheln mit dem Wörtchen „Treppenkaschpar”. Ein Satz, der zu den Ursprüngen, zu historischen Qualitäten des mitteleuropäischen Schauspiels führen kann. Ob Prominente oder nur Darstellender - Schauspieler und Regisseure müssen zei­gen, daß sie auf der Treppe mehr können als zart und geistreich schmelzend spielen. Sie müssen mehr als nur einen Raum füllen, Handwerkzeuge mitbringen, die unter großen Belastungen etwas taugen. Denn die Bühne und der Zuschauerraum sind Treppe, Markt, Häuser und der freie Himmel. Shakespeares Theater scheint hier nicht nur museal.

Tradition auf der Haller Treppe - das heißt im sechzigsten Jahr immer noch und wieder: der Hofmannsthal'sche „Jedermann”. Vor zehn Jahren gab es die Gennep'sche Version. Eine kleine Verbeugung vor der Tradition - aus Jubi­läumsgründen. In diesem Jahr ist der Diener tiefer, die Haller Tradition wieder mit Leben durchhaucht. Ob der Hofmannsthal'sche 1969 mit guten Gründen abgeschafft wurde? Man wollte in Hall kein Touristentheater und kein Sommertheater'le. Man wollte nichts, was künstlerische Freiheiten einengt, den Blick für das neue, zeitgenössische Theater des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Treppe verstellt.

Aber Schwäbisch Hall und die Treppe - das hat sich in den Köpfen der Württemberger und darüberhinaus eingefressen - ist gleichzusetzen mit dem Traditionsstück. Vielleicht zeigt der sechzigste Geburtstag, daß „Das Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes” Chance zu einem Mehr an Freiheit sein kann - einschließlich hoher Zuschauerzahlen. Denn Touristentheater wird Som­mertheater bleiben. Das ist und wird es auch immer in den Hochburgen sein - in Bayreuth oder Salzburg.

Die Öffnung vom hehren, statuarischen Schauspieltheater der prachtvoll-dicken Weltliteratur hin zum sensiblen, auch zum musikalischen Schauspiel auf der Treppe war die entscheidende und richtige Tat von Achim Plato - zum günstigen Zeitpunkt. In den vergangenen zehn Jahren gab es auf den Haller Stufen lebendige, mutige und geistreiche Inszenierungen: Kai Braaks „Amphitryon”, Bruno Felix' „Freiheit in Krähwinkel”, Hans Gratzers „Der Widerspenstigen Zähmung”, Kurt Hübners „Nathan der Weise”, Norbert Schwienteks „Don Juan” oder Achim Platos „Die Venezianischen Zwillinge”. Das waren bestimmt keine bahnbrechenden Regiearbeiten. Es wurden Theater-Formen gezeigt, die andernorts längst erprobt und ausdiskutiert waren. Aber für Sommertheater schienen die Haller Inszenierungen neu, von erregender Kraft und phantasiereichem Geist geprägt.

Wenn Freilichttheater professionell gearbeitete Inszenierungen in einer nicht nur auf Wirkung, sondern auch intellektuelle Ordnung zielende Dramaturgie bietet, mit dem Einsatz engagierter Schauspieler, die ihren Text nicht selbst-gefällig abspulen, sondern in der Sommerfrische des Theaters hinter den Text-vorlagen gearbeitet haben, dann hat Freilichttheater nicht nur einen Unterhaltungswert für Familienausflüge und Betriebsfeiern, sondern erfüllt auch den Anspruch gesellschaftlich abgesicherte Werte zu befragen.

Schwäbisch Hall konnte in den letzten Jahren Anregung geben - über den schönen und luftigen Sommer-Theaterabend hinaus, vielleicht bei dem einen oder anderen Zuschauer sogar geistige Prozesse in Gang setzen fürs verstärkte Nachdenken über so alltägliche Themen wie Recht und Unrecht, Schuld und Reinheit, Krieg und Frieden, Demokratie und Diktatur, eigenverantwortliches Handeln und Schicksal - die vielen kleinen Schwächen und Stärken menschlichen Lebens. Das muß und soll sein - neben der puren Unterhaltung. Denn Theater unter freiem Himmel ist auch ein Instrument der Aufklärung.

Bei der Herstellung und Konzeption von Theater für die Haller Freilichtspiele hat es in den letzten zehn Jahren oft harte Auseinandersetzungen gegeben, Skandale - aber auch immer wichtige Diskussionen. Eine Offenheit des Geistes, die erhalten bleiben sollte. Denn sie ist selten in Sommertheatern anzutreffen. Die guten freiheitlichen Aspekte reichsstädtischer Tradition verpflichtet - auch die Haller Treppenspiele.

Aufsatz für das Buch
 „Arbeitsergebnisse der Freilichtspiele Schwäbisch Hall 1968 bis 1985“, 
200 Seiten, Schwäbisch Hall, Juni 1985
Rhein-Neckar-Zeitung
Neckar Express

Freilichtspiele Hall - Shakepeares " Hamlet" (1995)

Hamlet auf der Haller Treppe (1995)

Ein Getriebener der eigenen Worte

Von Jürgen Dieter Ueckert

Mit Gift und Schwert wird in Schwäbisch Hall schon lange nicht mehr gemordet, wenn es um die ungeliebte Obrigkeit geht. Die vier Oberbürgermeister-Wahlen der letzten Monate in der betulichen Salzsiederstadt haben gezeigt, daß es mit anonymen Anrufen und Einsprüchen auch geht, wenn man jemanden zur Strecke bringen will, der zuvor zum „schwäbischen König“, sprich OB gekürt wurde. Ob der Intendant der Freilichtspiele Achim Plato deshalb in weiser Vorahnung die nach seinem Dafürhalten für unsere Zeit hochaktuelle Shakespeare-Tragödie „Hamlet“ als Auftaktinszenierung auf die 54 Stufen der gigantischen Treppen-Bühne vor dem Barock-Rathaus setzte? Wer weiß.

Auf jeden Fall hat er mit seiner Zweidreiviertel-Stunden-Inszenierung einen Klassiker ohne Verrenkungen und modische Mätzchen auf die Treppe gesetzt, der sich in der Freilichttheater-Landschaft Baden-Württembergs und darüber hinaus sehen lassen kann. Auch wenn die Zuschauer gegen 23 Uhr nach zweieinhalb Stunden Zuschauen beim Satz „Finden Sie nicht auch, daß es hier sehr kalt ist.“, klammen Beifall spendeten. Eine viertel Stunde weniger Treppen-Spiel und der Theaterabend auf dem Haller Marktplatz wäre durchaus erträglich geworden – allein wegen der Kälte.

Vor allem der Hamlet-Darsteller Thomas Stecher, Schauspieler am Berliner Ensemble, brachte mit seiner Interpretation viel Glanz in die Inszenierung. Nicht nur daß hier endlich mal wieder ein junger Schauspieler auftrat, der verständlich sprechen konnte, sondern weil dieser Hamlet seinen Text in jugendlicher Selbstüberschätzung schwankend zwischen Intellekt und Gefühl auslebte. Er wartete förmlich lauernd auf die Reaktion seiner Mitspieler mit seinen spielerisch hingeworfenen Unverschämtheiten.

Mit verhaltener Ironie, bösartigem Sarkasmus und wehleidigem Schmerz schleuderte er seine Worte wie Pfeile ab – und traf. Das alles in rasantem Wechsel von Gefühlsschmerzen und aufbegehrendem Geist, von hektischer Betriebsamkeit und traurig-schönem Abklopfen der eigenen Befindlichkeit. Aber da kam wenig an spielerischer Reaktion von seinen Kollegen auf der Bühne. Steif und teilweise recht behäbig formten viele ihre Klassikertexte auf der Treppe.

Wenn auch zu Beginn des Abends, als der Haller Marktplatz und die Treppe noch in helles Tageslicht getaucht waren, die Mühen im Spiel und um den Text bemerkbar waren, die Nervosität auch des Hauptdarstellers oftmals amüsante Anklänge an den jungen Heinz Rühmann in seinen frühen Filmkomödien erkennen ließ, so fesselte mit einbrechender Dunkelheit das Spiel um tiefe Verletzungen und Rache doch immer mehr. Der Haller Hamlet wurde nahezu unmerklich zu einem Getriebenen seiner eigenen Worte, der nicht will, was geschieht, aber durch die sachlichen Umstände zu Taten veranlaßt wird, die er spielerisch schon längst mit Worten und letztlich in ihrer tödlichen Konsequenz nicht beabsichtigt hat.

Achim Plato beläßt die Treppe als Raum, verstellt ihn gelegentlich nur durch riesige Wehrschilder, die Orte des Geschehens andeuten, belegt die Stufen mit überdimensionalen Kissen, auf denen der dänische Hof lagert. Allein der Auftritt der Schauspieler-Truppe mit ihrem Karren, das Theater auf dem Theater, ergänzt die reale Bühnentreppe um ein Riesen-Requisit. Dieser Karren dient dann auch als Friedhof für den Totengräber, von dem Hamlet jenen Schädel überreicht bekommt, der das Stück seit Jahrhunderten illustriert: Der Hauptdarsteller räsonniert mit dem Totenkopf in der Hand über die Vergänglichkeit. Verfälschende Romantiktradition, in so manche Stadttheater und deutsche Intellektuelle gern „ihren Hamlet“ sehen, schimmerte in Schwäbisch Hall gelegentlich durch – wenn auch sehr verhalten.

Makaberer britischer Humor in einem politischen Drama aber kam kaum zum Tragen. Dafür hatte sich die Inszenierung zu ehrfürchtig, demutsvoll und ängstlich dem Klassiker Shakespeare genähert – und den subtilen und schwarzen Shakespeare-Humor nicht ernst genug genommen. Auch wenn etwas faul ist im Staate Dänemark und die Moral verrottet scheint, Prinz Hamlet ist ja nicht nur ein tragischer Held, sondern darüber hinaus ein höchst amüsanter Unterhalter, der mit Friedhofshumor den Lauf seiner Welt wider die konservative Sitte und die politische Vernunft kommentiert – und daran folgerichtig auf einer leichengepflasterten Bühne zugrunde geht.

Unter den Texten in Schlegel-Übersetzung wimmerte und waberte in Hall gelegentlich die Musik von Michael Fuchs sphärisch dahin, oft dröhnte sie zu laut aus den Boxen neben der Kirche Sankt Michael und ließ die Sprache der Schauspieler unverständlich werden. Der Geist von Hamlets Vater (Peter Panhans) in seiner grauen Horrorerscheinung mit wüster Grabesstimme erinnerte doch mehr an Walt-Disney-Märchenfilme. Mozarts Don Giovanni winkte merklich durch die Torbögen der Kirche Sankt Michael zu Hall. Schaurig wie im Puppentheater – eben märchenhaft nett.

Seltsam wurstig und kleinbürgerlich spießig gaben sich das Königspaar von Dänemark – Kurt Sternik als Claudius und Heidemarie Wenzel als Gertrud. Und Ophelia, die Liebende und weiblicher Spielball Hamlets, hatte in Julia Christina eine hypersensible und schrille Darstellerin, die somit wirklich nur als willfährige Tochter ihres recht dämlichen Vater Polonius (Paul Weismann) auftritt. Daß sie mit dieser Haltung Hamlet nur nervte, war nicht verwunderlich und durchaus verständlich. Das soll ja auch im wirklichen Leben gelegentlich vorkommen. Aber im Verhältnis Hamlet-Ophelia könnte mehr als dieser flache Aspekt liegen.

Kennzeichnend für die Absicht der Inszenierung: Der überaus schlicht vorgetragene Monolog „Sein oder Nichtsein“. Hamlet spaziert mit bloßen Füßen geradeaus die Treppe herunter – auf einem von einem Scheinwerfer gekennzeichneten Weg, Stufe um Stufe, Satz um Satz. Das ist konzentriert, spannend und die Worte gewinnen eine Kraft, die fesselt und dankbar vom Publikum mit begeistertem Beifall belohnt wird.

Wer den englischen Dramatiker Shakespeare und deutsches Freilichttheater mag, der sollte sich diesen Haller Hamlet anschauen. Nicht nur wegen des herausragenden Hauptdarstellers, der sein Drama wie einen spannenden Psycho-Krimi darlegt, sondern auch wegen der einmaligen Marktplatz-Kulisse, in der nun schon seit 72 Jahren auf einer grandiosen 54stufigen Kirchentreppe Theater gespielt wird.