Hamlet auf der Haller Treppe (1995)
Ein Getriebener der eigenen Worte
Von Jürgen Dieter Ueckert
Mit Gift und Schwert
wird in Schwäbisch Hall schon lange nicht mehr gemordet, wenn es um die
ungeliebte Obrigkeit geht. Die vier Oberbürgermeister-Wahlen der
letzten Monate in der betulichen Salzsiederstadt haben gezeigt, daß es
mit anonymen Anrufen und Einsprüchen auch geht, wenn man jemanden zur
Strecke bringen will, der zuvor zum „schwäbischen König“, sprich OB
gekürt wurde. Ob der Intendant der Freilichtspiele Achim Plato deshalb
in weiser Vorahnung die nach seinem Dafürhalten für unsere Zeit
hochaktuelle Shakespeare-Tragödie „Hamlet“ als Auftaktinszenierung auf
die 54 Stufen der gigantischen Treppen-Bühne vor dem Barock-Rathaus
setzte? Wer weiß.
Auf jeden Fall hat er mit
seiner Zweidreiviertel-Stunden-Inszenierung einen Klassiker ohne
Verrenkungen und modische Mätzchen auf die Treppe gesetzt, der sich in
der Freilichttheater-Landschaft Baden-Württembergs und darüber hinaus
sehen lassen kann. Auch wenn die Zuschauer gegen 23 Uhr nach zweieinhalb
Stunden Zuschauen beim Satz „Finden Sie nicht auch, daß es hier sehr
kalt ist.“, klammen Beifall spendeten. Eine viertel Stunde weniger
Treppen-Spiel und der Theaterabend auf dem Haller Marktplatz wäre
durchaus erträglich geworden – allein wegen der Kälte.
Vor allem der Hamlet-Darsteller
Thomas Stecher, Schauspieler am Berliner Ensemble, brachte mit seiner
Interpretation viel Glanz in die Inszenierung. Nicht nur daß hier
endlich mal wieder ein junger Schauspieler auftrat, der verständlich
sprechen konnte, sondern weil dieser Hamlet seinen Text in jugendlicher
Selbstüberschätzung schwankend zwischen Intellekt und Gefühl auslebte.
Er wartete förmlich lauernd auf die Reaktion seiner Mitspieler mit
seinen spielerisch hingeworfenen Unverschämtheiten.
Mit verhaltener Ironie,
bösartigem Sarkasmus und wehleidigem Schmerz schleuderte er seine Worte
wie Pfeile ab – und traf. Das alles in rasantem Wechsel von
Gefühlsschmerzen und aufbegehrendem Geist, von hektischer Betriebsamkeit
und traurig-schönem Abklopfen der eigenen Befindlichkeit. Aber da kam
wenig an spielerischer Reaktion von seinen Kollegen auf der Bühne. Steif
und teilweise recht behäbig formten viele ihre Klassikertexte auf der
Treppe.
Wenn auch zu Beginn des Abends, als der
Haller Marktplatz und die Treppe noch in helles Tageslicht getaucht
waren, die Mühen im Spiel und um den Text bemerkbar waren, die
Nervosität auch des Hauptdarstellers oftmals amüsante Anklänge an den
jungen Heinz Rühmann in seinen frühen Filmkomödien erkennen ließ, so
fesselte mit einbrechender Dunkelheit das Spiel um tiefe Verletzungen
und Rache doch immer mehr. Der Haller Hamlet wurde nahezu unmerklich zu
einem Getriebenen seiner eigenen Worte, der nicht will, was geschieht,
aber durch die sachlichen Umstände zu Taten veranlaßt wird, die er
spielerisch schon längst mit Worten und letztlich in ihrer tödlichen
Konsequenz nicht beabsichtigt hat.
Achim Plato beläßt die Treppe als Raum,
verstellt ihn gelegentlich nur durch riesige Wehrschilder, die Orte des
Geschehens andeuten, belegt die Stufen mit überdimensionalen Kissen,
auf denen der dänische Hof lagert. Allein der Auftritt der
Schauspieler-Truppe mit ihrem Karren, das Theater auf dem Theater,
ergänzt die reale Bühnentreppe um ein Riesen-Requisit. Dieser Karren
dient dann auch als Friedhof für den Totengräber, von dem Hamlet jenen
Schädel überreicht bekommt, der das Stück seit Jahrhunderten
illustriert: Der Hauptdarsteller räsonniert mit dem Totenkopf in der
Hand über die Vergänglichkeit. Verfälschende Romantiktradition, in so
manche Stadttheater und deutsche Intellektuelle gern „ihren Hamlet“
sehen, schimmerte in Schwäbisch Hall gelegentlich durch – wenn auch sehr
verhalten.
Makaberer britischer Humor in einem
politischen Drama aber kam kaum zum Tragen. Dafür hatte sich die
Inszenierung zu ehrfürchtig, demutsvoll und ängstlich dem Klassiker
Shakespeare genähert – und den subtilen und schwarzen Shakespeare-Humor
nicht ernst genug genommen. Auch wenn etwas faul ist im Staate Dänemark
und die Moral verrottet scheint, Prinz Hamlet ist ja nicht nur ein
tragischer Held, sondern darüber hinaus ein höchst amüsanter
Unterhalter, der mit Friedhofshumor den Lauf seiner Welt wider die
konservative Sitte und die politische Vernunft kommentiert – und daran
folgerichtig auf einer leichengepflasterten Bühne zugrunde geht.
Unter den Texten in Schlegel-Übersetzung
wimmerte und waberte in Hall gelegentlich die Musik von Michael Fuchs
sphärisch dahin, oft dröhnte sie zu laut aus den Boxen neben der Kirche
Sankt Michael und ließ die Sprache der Schauspieler unverständlich
werden. Der Geist von Hamlets Vater (Peter Panhans) in seiner grauen
Horrorerscheinung mit wüster Grabesstimme erinnerte doch mehr an
Walt-Disney-Märchenfilme. Mozarts Don Giovanni winkte merklich durch die
Torbögen der Kirche Sankt Michael zu Hall. Schaurig wie im
Puppentheater – eben märchenhaft nett.
Seltsam wurstig und kleinbürgerlich spießig
gaben sich das Königspaar von Dänemark – Kurt Sternik als Claudius und
Heidemarie Wenzel als Gertrud. Und Ophelia, die Liebende und weiblicher
Spielball Hamlets, hatte in Julia Christina eine hypersensible und
schrille Darstellerin, die somit wirklich nur als willfährige Tochter
ihres recht dämlichen Vater Polonius (Paul Weismann) auftritt. Daß sie
mit dieser Haltung Hamlet nur nervte, war nicht verwunderlich und
durchaus verständlich. Das soll ja auch im wirklichen Leben gelegentlich
vorkommen. Aber im Verhältnis Hamlet-Ophelia könnte mehr als dieser
flache Aspekt liegen.
Kennzeichnend für die Absicht
der Inszenierung: Der überaus schlicht vorgetragene Monolog „Sein oder
Nichtsein“. Hamlet spaziert mit bloßen Füßen geradeaus die Treppe
herunter – auf einem von einem Scheinwerfer gekennzeichneten Weg, Stufe
um Stufe, Satz um Satz. Das ist konzentriert, spannend und die Worte
gewinnen eine Kraft, die fesselt und dankbar vom Publikum mit
begeistertem Beifall belohnt wird.
Wer den englischen Dramatiker Shakespeare
und deutsches Freilichttheater mag, der sollte sich diesen Haller
Hamlet anschauen. Nicht nur wegen des herausragenden Hauptdarstellers,
der sein Drama wie einen spannenden Psycho-Krimi darlegt, sondern auch
wegen der einmaligen Marktplatz-Kulisse, in der nun schon seit 72 Jahren
auf einer grandiosen 54stufigen Kirchentreppe Theater gespielt wird.
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