Freilichtspiele Schwäbisch Hall 1968 - 1985
Reichsstädtischer Tradition verpflichtet
Von Jürgen Dieter Ueckert
Schwäbisch Hall
besitzt eine Treppe mit 54 Stufen. Wahrlich ein imposantes Bauwerk; ob
der Betrachter vom Marktplatz aus hinauf- oder vom Münsterportal
hinabschaut. Die Spannung, die dabei erzeugt wird, ist eine ästhetische -
von der Architektur vorbestimmte. Man kann immer nur lapidar
feststellen „wie schön”.
Einen vernünftigen Grund,
auf der Haller Kirchentreppe sommers Theater zu spielen, die Zuschauer
auf den abschüssigen Marktplatz zu setzen, um sie von dort aus
Schauspieler bewundern zu lassen, die viele Treppenstufen akrobatisch
beturnen - der ist schwerlich herbeizudiskutieren. Es muß ein Besessener
gewesen sein, der den Gedanken einst faßte und eine Kleinstadt
veranlaßte, ihn in die Tat umzusetzen. Das Haller Treppentheater gebar
ein neues Sehen, wertete Zuschauer-Traditionen um: man schaut zum
Geschehen hoch statt herunter.
Treppen in der Oper,
in Operetten, im Musical oder im Historien-Drama, Treppen auf
Reichsparteitagen - überall dort, wo das stammelnde Imponiergehabe
vonnöten ist. Das mag noch angehen, seine Reize haben. Aber eine ganze
Bühne - bestehend aus Stufen? Man gewöhnt sich an vieles im Theater. Und
wie schnell erst an die Haller Treppe. Warten auf ein Theaterspiel in
Schwäbisch Hall; auf einem in Jahrhunderten gewachsenen Platz, umkränzt
von ohne einengende Bauvorschriften geschaffenen Bürgerhäusern, die
nicht unbedingt stilsicher wirken, aber anheimelnd raunen - das macht
Lust aufs Zuhören und -schauen; Bürgermarkt als Kultur-Forum.„Kultur in
der Provinz” - zwischen den Spielzeiten der Stadt- und Staatstheater,
das ist in der Region Franken eine bürgerliche Forderung - von
alljährlich knapp 100000 Zuschauern. Eine politisch anerkannte,
finanziell gut bezuschußte Forderung.
Aber seit Heilbronn sein neues Stadttheater
mit ständig wachsenden Rekord-Zuschauerzahlen besitzt, müssen die drei
Freilichttheater der Region ihren Platz und Stellenwert deutlicher
machen - bestimmt auch neue Zuschauergruppen ansprechen. Theater in der
Region Franken ist jetzt mehr als nur ein Sommervergnügen.
Sommertheater, Freilichttheater, Festspiele
- alles bunt lackiert, auf Tradition getrimmt, unverbindliches
Klassiker-Inszenieren und derbes Volkstheater - eine neue
Biedermaier-Zeit? Eingenebelt von einem Parfüm, das wie von Duft von
großer weiter Welt betäubt wird. Provinzielle Kultur – mit dem Rausche
erzeugt? Aber der bodenständige Geruch von Provinz ist zu stark, dringt
immer wieder durch. Eine Symbiose?
Theater-Welt
ist es schon, wenn Schauspieler von Film, Funk und Fernsehen, aus
Staats- und Stadttheatern in die Kleinstadt kommen. Vielleicht ist es
der Reiz, von der alltäglichen, oft zu artifiziellen Theaterherstellung
in eine nahezu unberührte Landschaft zu gelangen - nicht in eine
Stadttheaterprovinz, sondern in die kleinbürgerliche Aufgeschlossenheit,
die von einem großen Engagement fürs Theaterspielen durchzogen ist.
Schließlich waren die Freilichtspiele in diesem Jahrhundert entstanden
aus dem, was Bevölkerungsschichten bis hinein in die Arbeiterschaft bei
den Bürgern des 19. Jahrhunderts adaptiert hatten. Bildung als Krücke
zur Emanzipation - Goethes Weimar läßt grüßen.
Eine Stadt erlebt das Werden
von Inszenierungen. Probezeiten für Berufsschauspieler auf ungewohnten
Probebühnen - unter freiem Himmel in glühender Sonne oder in
Regenmänteln. In Schwäbisch Hall gibt es viele an Skandale sich
annähernde, lautstarke Auseinandersetzungen: Schauspieler und Regisseure
kontra Fußgänger und Anlieger. Da ist auf einmal die Distanz zwischen
Bühnenkunst und realer Darstellung auf ein scheinbar unerträgliches Maß
geschrumpft. Der Kontakt zum potentiellen Publikum wird unmittelbar. Und
genossen wird er auf beiden Seiten, ob später im Wirtshaus oder im
Wohnzimmer nacherzählt - es war ein Erlebnis. Geschichten von Gauklern
und Bürgern, ihren Berührungsängsten und -freuden sind in Hall an jeder
Ecke auffindbar. Ein archetypisches Thema.
Die Gaukler sind in der Stadt
- der Satz schwingt mit beim liebevollen Tätscheln mit dem Wörtchen
„Treppenkaschpar”. Ein Satz, der zu den Ursprüngen, zu historischen
Qualitäten des mitteleuropäischen Schauspiels führen kann. Ob Prominente
oder nur Darstellender - Schauspieler und Regisseure müssen zeigen,
daß sie auf der Treppe mehr können als zart und geistreich schmelzend
spielen. Sie müssen mehr als nur einen Raum füllen, Handwerkzeuge
mitbringen, die unter großen Belastungen etwas taugen. Denn die Bühne
und der Zuschauerraum sind Treppe, Markt, Häuser und der freie Himmel.
Shakespeares Theater scheint hier nicht nur museal.
Tradition auf der Haller Treppe
- das heißt im sechzigsten Jahr immer noch und wieder: der
Hofmannsthal'sche „Jedermann”. Vor zehn Jahren gab es die Gennep'sche
Version. Eine kleine Verbeugung vor der Tradition - aus
Jubiläumsgründen. In diesem Jahr ist der Diener tiefer, die Haller
Tradition wieder mit Leben durchhaucht. Ob der Hofmannsthal'sche 1969
mit guten Gründen abgeschafft wurde? Man wollte in Hall kein
Touristentheater und kein Sommertheater'le. Man wollte nichts, was
künstlerische Freiheiten einengt, den Blick für das neue,
zeitgenössische Theater des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Treppe
verstellt.
Aber Schwäbisch Hall und die Treppe -
das hat sich in den Köpfen der Württemberger und darüberhinaus
eingefressen - ist gleichzusetzen mit dem Traditionsstück. Vielleicht
zeigt der sechzigste Geburtstag, daß „Das Spiel vom Leben und Sterben
des reichen Mannes” Chance zu einem Mehr an Freiheit sein kann -
einschließlich hoher Zuschauerzahlen. Denn Touristentheater wird
Sommertheater bleiben. Das ist und wird es auch immer in den Hochburgen
sein - in Bayreuth oder Salzburg.
Die Öffnung
vom hehren, statuarischen Schauspieltheater der prachtvoll-dicken
Weltliteratur hin zum sensiblen, auch zum musikalischen Schauspiel auf
der Treppe war die entscheidende und richtige Tat von Achim Plato - zum
günstigen Zeitpunkt. In den vergangenen zehn Jahren gab es auf den
Haller Stufen lebendige, mutige und geistreiche Inszenierungen: Kai
Braaks „Amphitryon”, Bruno Felix' „Freiheit in Krähwinkel”, Hans
Gratzers „Der Widerspenstigen Zähmung”, Kurt Hübners „Nathan der Weise”,
Norbert Schwienteks „Don Juan” oder Achim Platos „Die Venezianischen
Zwillinge”. Das waren bestimmt keine bahnbrechenden Regiearbeiten. Es
wurden Theater-Formen gezeigt, die andernorts längst erprobt und
ausdiskutiert waren. Aber für Sommertheater schienen die Haller
Inszenierungen neu, von erregender Kraft und phantasiereichem Geist
geprägt.
Wenn Freilichttheater professionell
gearbeitete Inszenierungen in einer nicht nur auf Wirkung, sondern auch
intellektuelle Ordnung zielende Dramaturgie bietet, mit dem Einsatz
engagierter Schauspieler, die ihren Text nicht selbst-gefällig abspulen,
sondern in der Sommerfrische des Theaters hinter den Text-vorlagen
gearbeitet haben, dann hat Freilichttheater nicht nur einen
Unterhaltungswert für Familienausflüge und Betriebsfeiern, sondern
erfüllt auch den Anspruch gesellschaftlich abgesicherte Werte zu
befragen.
Schwäbisch Hall konnte in den letzten
Jahren Anregung geben - über den schönen und luftigen
Sommer-Theaterabend hinaus, vielleicht bei dem einen oder anderen
Zuschauer sogar geistige Prozesse in Gang setzen fürs verstärkte
Nachdenken über so alltägliche Themen wie Recht und Unrecht, Schuld und
Reinheit, Krieg und Frieden, Demokratie und Diktatur,
eigenverantwortliches Handeln und Schicksal - die vielen kleinen
Schwächen und Stärken menschlichen Lebens. Das muß und soll sein - neben
der puren Unterhaltung. Denn Theater unter freiem Himmel ist auch ein
Instrument der Aufklärung.
Bei der Herstellung und Konzeption
von Theater für die Haller Freilichtspiele hat es in den letzten zehn
Jahren oft harte Auseinandersetzungen gegeben, Skandale - aber auch
immer wichtige Diskussionen. Eine Offenheit des Geistes, die erhalten
bleiben sollte. Denn sie ist selten in Sommertheatern anzutreffen. Die
guten freiheitlichen Aspekte reichsstädtischer Tradition verpflichtet -
auch die Haller Treppenspiele.
Aufsatz für das Buch
„Arbeitsergebnisse der Freilichtspiele Schwäbisch Hall 1968 bis 1985“,
200 Seiten, Schwäbisch Hall, Juni 1985
Rhein-Neckar-Zeitung
Neckar Express
Mittwoch, 19. Februar 2014
Freilichtspiele Hall - Shakepeares " Hamlet" (1995)
Hamlet auf der Haller Treppe (1995)
Ein Getriebener der eigenen Worte
Von Jürgen Dieter Ueckert
Mit Gift und Schwert wird in Schwäbisch Hall schon lange nicht mehr gemordet, wenn es um die ungeliebte Obrigkeit geht. Die vier Oberbürgermeister-Wahlen der letzten Monate in der betulichen Salzsiederstadt haben gezeigt, daß es mit anonymen Anrufen und Einsprüchen auch geht, wenn man jemanden zur Strecke bringen will, der zuvor zum „schwäbischen König“, sprich OB gekürt wurde. Ob der Intendant der Freilichtspiele Achim Plato deshalb in weiser Vorahnung die nach seinem Dafürhalten für unsere Zeit hochaktuelle Shakespeare-Tragödie „Hamlet“ als Auftaktinszenierung auf die 54 Stufen der gigantischen Treppen-Bühne vor dem Barock-Rathaus setzte? Wer weiß.
Auf jeden Fall hat er mit seiner Zweidreiviertel-Stunden-Inszenierung einen Klassiker ohne Verrenkungen und modische Mätzchen auf die Treppe gesetzt, der sich in der Freilichttheater-Landschaft Baden-Württembergs und darüber hinaus sehen lassen kann. Auch wenn die Zuschauer gegen 23 Uhr nach zweieinhalb Stunden Zuschauen beim Satz „Finden Sie nicht auch, daß es hier sehr kalt ist.“, klammen Beifall spendeten. Eine viertel Stunde weniger Treppen-Spiel und der Theaterabend auf dem Haller Marktplatz wäre durchaus erträglich geworden – allein wegen der Kälte.
Vor allem der Hamlet-Darsteller Thomas Stecher, Schauspieler am Berliner Ensemble, brachte mit seiner Interpretation viel Glanz in die Inszenierung. Nicht nur daß hier endlich mal wieder ein junger Schauspieler auftrat, der verständlich sprechen konnte, sondern weil dieser Hamlet seinen Text in jugendlicher Selbstüberschätzung schwankend zwischen Intellekt und Gefühl auslebte. Er wartete förmlich lauernd auf die Reaktion seiner Mitspieler mit seinen spielerisch hingeworfenen Unverschämtheiten.
Mit verhaltener Ironie, bösartigem Sarkasmus und wehleidigem Schmerz schleuderte er seine Worte wie Pfeile ab – und traf. Das alles in rasantem Wechsel von Gefühlsschmerzen und aufbegehrendem Geist, von hektischer Betriebsamkeit und traurig-schönem Abklopfen der eigenen Befindlichkeit. Aber da kam wenig an spielerischer Reaktion von seinen Kollegen auf der Bühne. Steif und teilweise recht behäbig formten viele ihre Klassikertexte auf der Treppe.
Wenn auch zu Beginn des Abends, als der Haller Marktplatz und die Treppe noch in helles Tageslicht getaucht waren, die Mühen im Spiel und um den Text bemerkbar waren, die Nervosität auch des Hauptdarstellers oftmals amüsante Anklänge an den jungen Heinz Rühmann in seinen frühen Filmkomödien erkennen ließ, so fesselte mit einbrechender Dunkelheit das Spiel um tiefe Verletzungen und Rache doch immer mehr. Der Haller Hamlet wurde nahezu unmerklich zu einem Getriebenen seiner eigenen Worte, der nicht will, was geschieht, aber durch die sachlichen Umstände zu Taten veranlaßt wird, die er spielerisch schon längst mit Worten und letztlich in ihrer tödlichen Konsequenz nicht beabsichtigt hat.
Achim Plato beläßt die Treppe als Raum, verstellt ihn gelegentlich nur durch riesige Wehrschilder, die Orte des Geschehens andeuten, belegt die Stufen mit überdimensionalen Kissen, auf denen der dänische Hof lagert. Allein der Auftritt der Schauspieler-Truppe mit ihrem Karren, das Theater auf dem Theater, ergänzt die reale Bühnentreppe um ein Riesen-Requisit. Dieser Karren dient dann auch als Friedhof für den Totengräber, von dem Hamlet jenen Schädel überreicht bekommt, der das Stück seit Jahrhunderten illustriert: Der Hauptdarsteller räsonniert mit dem Totenkopf in der Hand über die Vergänglichkeit. Verfälschende Romantiktradition, in so manche Stadttheater und deutsche Intellektuelle gern „ihren Hamlet“ sehen, schimmerte in Schwäbisch Hall gelegentlich durch – wenn auch sehr verhalten.
Makaberer britischer Humor in einem politischen Drama aber kam kaum zum Tragen. Dafür hatte sich die Inszenierung zu ehrfürchtig, demutsvoll und ängstlich dem Klassiker Shakespeare genähert – und den subtilen und schwarzen Shakespeare-Humor nicht ernst genug genommen. Auch wenn etwas faul ist im Staate Dänemark und die Moral verrottet scheint, Prinz Hamlet ist ja nicht nur ein tragischer Held, sondern darüber hinaus ein höchst amüsanter Unterhalter, der mit Friedhofshumor den Lauf seiner Welt wider die konservative Sitte und die politische Vernunft kommentiert – und daran folgerichtig auf einer leichengepflasterten Bühne zugrunde geht.
Unter den Texten in Schlegel-Übersetzung wimmerte und waberte in Hall gelegentlich die Musik von Michael Fuchs sphärisch dahin, oft dröhnte sie zu laut aus den Boxen neben der Kirche Sankt Michael und ließ die Sprache der Schauspieler unverständlich werden. Der Geist von Hamlets Vater (Peter Panhans) in seiner grauen Horrorerscheinung mit wüster Grabesstimme erinnerte doch mehr an Walt-Disney-Märchenfilme. Mozarts Don Giovanni winkte merklich durch die Torbögen der Kirche Sankt Michael zu Hall. Schaurig wie im Puppentheater – eben märchenhaft nett.
Seltsam wurstig und kleinbürgerlich spießig gaben sich das Königspaar von Dänemark – Kurt Sternik als Claudius und Heidemarie Wenzel als Gertrud. Und Ophelia, die Liebende und weiblicher Spielball Hamlets, hatte in Julia Christina eine hypersensible und schrille Darstellerin, die somit wirklich nur als willfährige Tochter ihres recht dämlichen Vater Polonius (Paul Weismann) auftritt. Daß sie mit dieser Haltung Hamlet nur nervte, war nicht verwunderlich und durchaus verständlich. Das soll ja auch im wirklichen Leben gelegentlich vorkommen. Aber im Verhältnis Hamlet-Ophelia könnte mehr als dieser flache Aspekt liegen.
Kennzeichnend für die Absicht der Inszenierung: Der überaus schlicht vorgetragene Monolog „Sein oder Nichtsein“. Hamlet spaziert mit bloßen Füßen geradeaus die Treppe herunter – auf einem von einem Scheinwerfer gekennzeichneten Weg, Stufe um Stufe, Satz um Satz. Das ist konzentriert, spannend und die Worte gewinnen eine Kraft, die fesselt und dankbar vom Publikum mit begeistertem Beifall belohnt wird.
Wer den englischen Dramatiker Shakespeare und deutsches Freilichttheater mag, der sollte sich diesen Haller Hamlet anschauen. Nicht nur wegen des herausragenden Hauptdarstellers, der sein Drama wie einen spannenden Psycho-Krimi darlegt, sondern auch wegen der einmaligen Marktplatz-Kulisse, in der nun schon seit 72 Jahren auf einer grandiosen 54stufigen Kirchentreppe Theater gespielt wird.
Ein Getriebener der eigenen Worte
Von Jürgen Dieter Ueckert
Mit Gift und Schwert wird in Schwäbisch Hall schon lange nicht mehr gemordet, wenn es um die ungeliebte Obrigkeit geht. Die vier Oberbürgermeister-Wahlen der letzten Monate in der betulichen Salzsiederstadt haben gezeigt, daß es mit anonymen Anrufen und Einsprüchen auch geht, wenn man jemanden zur Strecke bringen will, der zuvor zum „schwäbischen König“, sprich OB gekürt wurde. Ob der Intendant der Freilichtspiele Achim Plato deshalb in weiser Vorahnung die nach seinem Dafürhalten für unsere Zeit hochaktuelle Shakespeare-Tragödie „Hamlet“ als Auftaktinszenierung auf die 54 Stufen der gigantischen Treppen-Bühne vor dem Barock-Rathaus setzte? Wer weiß.
Auf jeden Fall hat er mit seiner Zweidreiviertel-Stunden-Inszenierung einen Klassiker ohne Verrenkungen und modische Mätzchen auf die Treppe gesetzt, der sich in der Freilichttheater-Landschaft Baden-Württembergs und darüber hinaus sehen lassen kann. Auch wenn die Zuschauer gegen 23 Uhr nach zweieinhalb Stunden Zuschauen beim Satz „Finden Sie nicht auch, daß es hier sehr kalt ist.“, klammen Beifall spendeten. Eine viertel Stunde weniger Treppen-Spiel und der Theaterabend auf dem Haller Marktplatz wäre durchaus erträglich geworden – allein wegen der Kälte.
Vor allem der Hamlet-Darsteller Thomas Stecher, Schauspieler am Berliner Ensemble, brachte mit seiner Interpretation viel Glanz in die Inszenierung. Nicht nur daß hier endlich mal wieder ein junger Schauspieler auftrat, der verständlich sprechen konnte, sondern weil dieser Hamlet seinen Text in jugendlicher Selbstüberschätzung schwankend zwischen Intellekt und Gefühl auslebte. Er wartete förmlich lauernd auf die Reaktion seiner Mitspieler mit seinen spielerisch hingeworfenen Unverschämtheiten.
Mit verhaltener Ironie, bösartigem Sarkasmus und wehleidigem Schmerz schleuderte er seine Worte wie Pfeile ab – und traf. Das alles in rasantem Wechsel von Gefühlsschmerzen und aufbegehrendem Geist, von hektischer Betriebsamkeit und traurig-schönem Abklopfen der eigenen Befindlichkeit. Aber da kam wenig an spielerischer Reaktion von seinen Kollegen auf der Bühne. Steif und teilweise recht behäbig formten viele ihre Klassikertexte auf der Treppe.
Wenn auch zu Beginn des Abends, als der Haller Marktplatz und die Treppe noch in helles Tageslicht getaucht waren, die Mühen im Spiel und um den Text bemerkbar waren, die Nervosität auch des Hauptdarstellers oftmals amüsante Anklänge an den jungen Heinz Rühmann in seinen frühen Filmkomödien erkennen ließ, so fesselte mit einbrechender Dunkelheit das Spiel um tiefe Verletzungen und Rache doch immer mehr. Der Haller Hamlet wurde nahezu unmerklich zu einem Getriebenen seiner eigenen Worte, der nicht will, was geschieht, aber durch die sachlichen Umstände zu Taten veranlaßt wird, die er spielerisch schon längst mit Worten und letztlich in ihrer tödlichen Konsequenz nicht beabsichtigt hat.
Achim Plato beläßt die Treppe als Raum, verstellt ihn gelegentlich nur durch riesige Wehrschilder, die Orte des Geschehens andeuten, belegt die Stufen mit überdimensionalen Kissen, auf denen der dänische Hof lagert. Allein der Auftritt der Schauspieler-Truppe mit ihrem Karren, das Theater auf dem Theater, ergänzt die reale Bühnentreppe um ein Riesen-Requisit. Dieser Karren dient dann auch als Friedhof für den Totengräber, von dem Hamlet jenen Schädel überreicht bekommt, der das Stück seit Jahrhunderten illustriert: Der Hauptdarsteller räsonniert mit dem Totenkopf in der Hand über die Vergänglichkeit. Verfälschende Romantiktradition, in so manche Stadttheater und deutsche Intellektuelle gern „ihren Hamlet“ sehen, schimmerte in Schwäbisch Hall gelegentlich durch – wenn auch sehr verhalten.
Makaberer britischer Humor in einem politischen Drama aber kam kaum zum Tragen. Dafür hatte sich die Inszenierung zu ehrfürchtig, demutsvoll und ängstlich dem Klassiker Shakespeare genähert – und den subtilen und schwarzen Shakespeare-Humor nicht ernst genug genommen. Auch wenn etwas faul ist im Staate Dänemark und die Moral verrottet scheint, Prinz Hamlet ist ja nicht nur ein tragischer Held, sondern darüber hinaus ein höchst amüsanter Unterhalter, der mit Friedhofshumor den Lauf seiner Welt wider die konservative Sitte und die politische Vernunft kommentiert – und daran folgerichtig auf einer leichengepflasterten Bühne zugrunde geht.
Unter den Texten in Schlegel-Übersetzung wimmerte und waberte in Hall gelegentlich die Musik von Michael Fuchs sphärisch dahin, oft dröhnte sie zu laut aus den Boxen neben der Kirche Sankt Michael und ließ die Sprache der Schauspieler unverständlich werden. Der Geist von Hamlets Vater (Peter Panhans) in seiner grauen Horrorerscheinung mit wüster Grabesstimme erinnerte doch mehr an Walt-Disney-Märchenfilme. Mozarts Don Giovanni winkte merklich durch die Torbögen der Kirche Sankt Michael zu Hall. Schaurig wie im Puppentheater – eben märchenhaft nett.
Seltsam wurstig und kleinbürgerlich spießig gaben sich das Königspaar von Dänemark – Kurt Sternik als Claudius und Heidemarie Wenzel als Gertrud. Und Ophelia, die Liebende und weiblicher Spielball Hamlets, hatte in Julia Christina eine hypersensible und schrille Darstellerin, die somit wirklich nur als willfährige Tochter ihres recht dämlichen Vater Polonius (Paul Weismann) auftritt. Daß sie mit dieser Haltung Hamlet nur nervte, war nicht verwunderlich und durchaus verständlich. Das soll ja auch im wirklichen Leben gelegentlich vorkommen. Aber im Verhältnis Hamlet-Ophelia könnte mehr als dieser flache Aspekt liegen.
Kennzeichnend für die Absicht der Inszenierung: Der überaus schlicht vorgetragene Monolog „Sein oder Nichtsein“. Hamlet spaziert mit bloßen Füßen geradeaus die Treppe herunter – auf einem von einem Scheinwerfer gekennzeichneten Weg, Stufe um Stufe, Satz um Satz. Das ist konzentriert, spannend und die Worte gewinnen eine Kraft, die fesselt und dankbar vom Publikum mit begeistertem Beifall belohnt wird.
Wer den englischen Dramatiker Shakespeare und deutsches Freilichttheater mag, der sollte sich diesen Haller Hamlet anschauen. Nicht nur wegen des herausragenden Hauptdarstellers, der sein Drama wie einen spannenden Psycho-Krimi darlegt, sondern auch wegen der einmaligen Marktplatz-Kulisse, in der nun schon seit 72 Jahren auf einer grandiosen 54stufigen Kirchentreppe Theater gespielt wird.
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