Montag, 31. März 2014

Freilichtspiele Hall - Brechts "Dreigroschenoper" (1982)

Bert Brechts „Dreigroschenoper“ in Schwäbisch Hall

Sommertheater vor und auf der Treppe

Von Jürgen Dieter Ueckert

Die Eröffnungspremiere auf den 54 Stufen der rund siebzig Meter breiten Treppe vor Sankt Michael in Schwäbisch Hall zog auch in diesem Jahr wieder Prominenz an. Neben ehemaligen Ministern des Landes, wenigen hohen Staats­beamten und anderen ließ sich auch der baden-württembergi­sche Ministerpräsident Lothar Späth unter dem Zuschauervolk blicken - von einem matten Be­grüßungsapplaus begleitet.

Der ein wenig stärkere galt später den Schauspielern.- nach dem Spiel auf der Treppe in ba­rocken Rathaussaal.  Kurz nach Mitternacht beim Stehempfang für das Ensemble, ließ der Regierungschef in einer kleinen Ansprache launisch anklingen, daß die Bettleroper ihm vor allem gefallen habe, weil das Thema ja die derzeitige Finanz­situation im Lande beschreibe. Man bediene sich zur Behe­bung nur anderer Mittel, als bei Brecht gezeigt.

Der hochwillkommene Gast kulturpolitisch: er sang ein Lob auf das „Konzept der dezentra­len Kunstförderung". Das er­freute den Oberbürgermeister der Salzsieder-Stadt am Kocher, Karl Friedrich Binder, der zuvor noch seine ängstlich klingende rhetorische Frage nach den Bettlern auf der Treppe mit ei­nem Selbstvertrauen einflößen­den „Ja" beantwortet hatte.

Schließlich hätte es auch in frü­heren Jahrhunderten - histo­risch belegt - Bettler auf der Haller Treppe gegeben. Denn Reich und Arm, Hoch und Nie­der - sie hätten alle von jeher ihren Auftritt auf der Treppe ge­bt, nicht nur als Schauspieler. Brechts Dreigroschenoper als Parodie-Vorlage für die Staats­gewalt bei Brötchen und Wein?

Der Dichter hätte vielleicht - so er das lebend mitangesehen und - gehört - gegen dieser Art der Vereinnahmung prozes­siert, wie einst gegen die Verfil­mung des Dreigroschenoper-Stoffes. Jedenfalls gegen die Aufführung in der Haller Fas­sung hätte er bestimmt Protest eingelegt, wenn sie nicht gar verbieten lassen.

Die Inszenie­rung von Achim Plato wollte - so schien es mir - den Revue-Cha­rakter des Stückes herausarbei­ten. Der Anfang dafür war auch vielversprechend. Das Ensem­ble zeigte sich auf der Treppen­bühne: Bettler, Polizei, Gang­ster, Huren. Man sang flüsternd seinen „Haifisch, der Zähne“ hat. Standbilder wurden gezeigt; das heißt, Schauspieler zuckten sich zu verkrüppelten Bettlern zurecht - zum Beispiel.

Das Revuehafte der Inszenierung sollte ein Stahlgerüst unterstreichen, das in drei Ebenen aufgeteilt war, umspannt von Glühbirnenketten, die entwe­der buntes, rotes oder das land­läufige Glühbirnenlicht verstrahlten. Die Musik für die Songs kamen vom Band, in ei­ner Mischung aus trägem Dis­co-Sound und müder Barmusik-Berieselung, von Paul Vincent Gunia arrangiert, so daß die in­tensiven Rhythmen der Kurt -Weill'schen Tonfolgen wie ein zäher Brei über die Treppenstu­fen flössen.

Zu dieser Art der Verkrüppe­lung des Spiels gesellte sich noch eine eigentümliche Auf­fassung der Verfremdung in dieser Treppen-Inszenierung. Wurde ein Song fällig, unter­brachen die Schauspieler ihr Spiel, begaben sich flugs an ei­nen Ort, an dem ein Mikrofon aufgestellt war, prüften ihre Stellung mit kurzem Blick zum Aufnahmegerät - und weiter ging's gesanglich im Text.

An­sonsten bemühte man sich ums Publikum: Miteinander wurde von den Schauspielern selten gespielt. Das Gesicht und die Ansprache zum Zuschauer soll­ten Brechts Forderung nach „Übermittlung des Stoffs" ge­recht werden. So eingleisig hat­te der Meister seine Vorstellung vom epischen Theater nicht aufgefaßt - wie seine „Anmerkun­gen zur ,Dreigroschenoper' “ zeigen.

Denn der Schauspieler „muß natürlich jene Haltung einneh­men, durch die es sich der Vor­gang bequem macht". Er muß jedoch auch noch Beziehungen - so Brecht - zu anderen Vor­gängen als denen der Fabel ein- gehen können, also nicht nur die Fabel bedienen.

In Achim Platos Inszenierung sind die Banditen zum Beispiel aus­nahmslos Typen der miesesten Art, Verbrecher mit schlechten Manieren, dumme Gangster-Visagen in Prolo-Manier. Bei Brecht sollen es „natürlich ge­setzte Männer" sein, „teilweise beleibt und ohne Ausnahme au­ßerhalb ihres Berufes umgäng­lich". Die Schauspieler können hier - so Brecht - die Nützlich­keit bürgerlicher Tugenden und die innige Beziehung zwischen Gemüt und Gaunerei zeigen.

In der Haller Version gehen diese Bezüge aber unter. Die Auseinandersetzungen zwi­schen dem Bettlerkönig Peachum, der die Bettler auf einer primitiven Stufe ausbeutet, und dem modernen Gangstertum ei­nes Mackie Messer sind schlicht gestrichen. Die ökono­mischen Sentenzen, die Erklärungen zum kapitalistischen

Wirtschaftssystem sind eben­falls - bis auf geringe Ausnah­men - weggefallen. Es bleibt die Liebesgeschichte zwischen Polly Peachum und Macheath, die unerfüllte Soldatenliebe zwischen Mackie Messer und Jack Brown, dem obersten Poli­zeichef von London.

Dank dieser Inszenierung führen die Songs ein nicht die Story verbindendes Eigenleben. Mit einigen müden Gags ver­suchte man das ansonsten lang­weilige Geschehen aufzumuntern. Vor allem natürlich bei der Hochzeitsfeier von Mackie und Polly mit der „Platte", den Gangstern. Bei dem mit Vorur­teilen schlichter Art - ohne Auf­lösung - übersäten Geschehen in Hall, der holzschnitzartig herausgearbeiteten Geschichte, wurde doch sichtbar, daß es einige schauspielerische Bemü­hungen gab.

Hans Peter Hallwachs als Ma­cheath versuchte eine emotionslose Schnauze. Aber dabei blieb es auch. Herbert Stass als Jonathan Peachum zeigte eben­falls mit einer Ebene seiner Darstellungskünste eine ganze Menge an Qualität. Bei der Spelunken-Jenny der Johanna Lie­beneiner wurde vielschichtig gearbeitet, sowohl in den Songs als auch in den Sprechtexten. Susanne Heydenreich als Polly verließ sich auf eine platte In­terpretation in Gegensätzen und Wolfgang Schwarz als Poli­zeichef Brown stellte mehr aus statt dar.

Aber bei dieser simplen Volksausgabe einer gereinigten Dreigroschenoper in der Insze­nierung des Freilichttheater-In­tendanten Achim Plato wurden ja nicht nur Schauspieler in ih­rem Können eingeschränkt, auch der Text wurde um seine Bedeutung gebracht. So reinigt man für Sommerfestspiele Klassiker  - für das Touristentheater. Und das noch nicht einmal auf dem Original-Spielort „Treppe" in Hall, sondern auf dümmlichen Podesten, einem sehr einfallslosen Bühnenbild vor einer für diese Oper doch geradezu grandiosen Kulisse.

Mittwoch, 19. Februar 2014

Freilichtspiele Hall - 25 Jahre - JDUeckert Aufsatz (1985)

Freilichtspiele Schwäbisch Hall 1968 - 1985

Reichsstädtischer Tradition verpflichtet

Von Jürgen Dieter Ueckert

Schwäbisch Hall besitzt eine Treppe mit 54 Stufen. Wahrlich ein imposantes Bauwerk; ob der Betrachter vom Marktplatz aus hinauf- oder vom Münsterportal hinabschaut. Die Spannung, die dabei erzeugt wird, ist eine ästhetische - von der Architektur vorbestimmte. Man kann immer nur lapidar feststellen „wie schön”.

Einen vernünftigen Grund, auf der Haller Kirchentreppe sommers Theater zu spielen, die Zuschauer auf den abschüssigen Marktplatz zu setzen, um sie von dort aus Schauspieler bewundern zu lassen, die viele Treppenstufen akrobatisch beturnen - der ist schwerlich herbeizudiskutieren. Es muß ein Besessener gewesen sein, der den Gedanken einst faßte und eine Kleinstadt veranlaßte, ihn in die Tat umzusetzen. Das Haller Treppentheater gebar ein neues Sehen, wertete Zuschauer-Traditionen um: man schaut zum Geschehen hoch statt herunter.

Treppen in der Oper, in Operetten, im Musical oder im Historien-Drama, Treppen auf Reichsparteitagen - überall dort, wo das stammelnde Imponiergehabe von­nöten ist. Das mag noch angehen, seine Reize haben. Aber eine ganze Bühne - bestehend aus Stufen? Man gewöhnt sich an vieles im Theater. Und wie schnell erst an die Haller Treppe. Warten auf ein Theaterspiel in Schwäbisch Hall; auf einem in Jahrhunderten gewachsenen Platz, umkränzt von ohne einengende Bauvorschriften geschaffenen Bürgerhäusern, die nicht unbedingt stilsicher wirken, aber anheimelnd raunen - das macht Lust aufs Zuhören und -schauen; Bürgermarkt als Kultur-Forum.„Kultur in der Provinz” - zwischen den Spielzeiten der Stadt- und Staatstheater, das ist in der Region Franken eine bürgerliche Forderung - von alljährlich knapp 100000 Zuschauern. Eine politisch anerkannte, finanziell gut bezuschußte Forderung.

Aber seit Heilbronn sein neues Stadttheater mit ständig wachsenden Rekord-Zuschauerzahlen besitzt, müssen die drei Freilichttheater der Region ihren Platz und Stellenwert deutlicher machen - bestimmt auch neue Zuschauergruppen ansprechen. Theater in der Region Franken ist jetzt mehr als nur ein Sommervergnügen.

Sommertheater, Freilichttheater, Festspiele - alles bunt lackiert, auf Tradition getrimmt, unverbindliches Klassiker-Inszenieren und derbes Volkstheater - eine neue Biedermaier-Zeit? Eingenebelt von einem Parfüm, das wie von Duft von großer weiter Welt betäubt wird. Provinzielle Kultur – mit dem Rausche erzeugt? Aber der bodenständige Geruch von Provinz ist zu stark, dringt immer wieder durch. Eine Symbiose?

Theater-Welt ist es schon, wenn Schauspieler von Film, Funk und Fernsehen, aus Staats- und Stadttheatern in die Kleinstadt kommen. Vielleicht ist es der Reiz, von der alltäglichen, oft zu artifiziellen Theaterherstellung in eine nahezu unberührte Landschaft zu gelangen - nicht in eine Stadttheaterprovinz, sondern in die kleinbürgerliche Aufgeschlossenheit, die von einem großen Engagement fürs Theaterspielen durchzogen ist. Schließlich waren die Freilichtspiele in diesem Jahrhundert entstanden aus dem, was Bevölkerungsschichten bis hinein in die Arbeiterschaft bei den Bürgern des 19. Jahrhunderts adaptiert hatten. Bildung als Krücke zur Emanzipation - Goethes Weimar läßt grüßen.

Eine Stadt erlebt das Werden von Inszenierungen. Probezeiten für Berufsschauspieler auf ungewohnten Probebühnen - unter freiem Himmel in glühender Sonne oder in Regenmänteln. In Schwäbisch Hall gibt es viele an Skandale sich annähernde, lautstarke Auseinandersetzungen: Schauspieler und Regisseure kontra Fußgänger und Anlieger. Da ist auf einmal die Distanz zwischen Bühnenkunst und realer Darstellung auf ein scheinbar unerträgliches Maß geschrumpft. Der Kontakt zum potentiellen Publikum wird unmittelbar. Und genossen wird er auf beiden Seiten, ob später im Wirtshaus oder im Wohnzimmer nacherzählt - es war ein Erlebnis. Geschichten von Gauklern und Bürgern, ihren Berührungsängsten und -freuden sind in Hall an jeder Ecke auffindbar. Ein archetypisches Thema.

Die Gaukler sind in der Stadt - der Satz schwingt mit beim liebevollen Tätscheln mit dem Wörtchen „Treppenkaschpar”. Ein Satz, der zu den Ursprüngen, zu historischen Qualitäten des mitteleuropäischen Schauspiels führen kann. Ob Prominente oder nur Darstellender - Schauspieler und Regisseure müssen zei­gen, daß sie auf der Treppe mehr können als zart und geistreich schmelzend spielen. Sie müssen mehr als nur einen Raum füllen, Handwerkzeuge mitbringen, die unter großen Belastungen etwas taugen. Denn die Bühne und der Zuschauerraum sind Treppe, Markt, Häuser und der freie Himmel. Shakespeares Theater scheint hier nicht nur museal.

Tradition auf der Haller Treppe - das heißt im sechzigsten Jahr immer noch und wieder: der Hofmannsthal'sche „Jedermann”. Vor zehn Jahren gab es die Gennep'sche Version. Eine kleine Verbeugung vor der Tradition - aus Jubi­läumsgründen. In diesem Jahr ist der Diener tiefer, die Haller Tradition wieder mit Leben durchhaucht. Ob der Hofmannsthal'sche 1969 mit guten Gründen abgeschafft wurde? Man wollte in Hall kein Touristentheater und kein Sommertheater'le. Man wollte nichts, was künstlerische Freiheiten einengt, den Blick für das neue, zeitgenössische Theater des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Treppe verstellt.

Aber Schwäbisch Hall und die Treppe - das hat sich in den Köpfen der Württemberger und darüberhinaus eingefressen - ist gleichzusetzen mit dem Traditionsstück. Vielleicht zeigt der sechzigste Geburtstag, daß „Das Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes” Chance zu einem Mehr an Freiheit sein kann - einschließlich hoher Zuschauerzahlen. Denn Touristentheater wird Som­mertheater bleiben. Das ist und wird es auch immer in den Hochburgen sein - in Bayreuth oder Salzburg.

Die Öffnung vom hehren, statuarischen Schauspieltheater der prachtvoll-dicken Weltliteratur hin zum sensiblen, auch zum musikalischen Schauspiel auf der Treppe war die entscheidende und richtige Tat von Achim Plato - zum günstigen Zeitpunkt. In den vergangenen zehn Jahren gab es auf den Haller Stufen lebendige, mutige und geistreiche Inszenierungen: Kai Braaks „Amphitryon”, Bruno Felix' „Freiheit in Krähwinkel”, Hans Gratzers „Der Widerspenstigen Zähmung”, Kurt Hübners „Nathan der Weise”, Norbert Schwienteks „Don Juan” oder Achim Platos „Die Venezianischen Zwillinge”. Das waren bestimmt keine bahnbrechenden Regiearbeiten. Es wurden Theater-Formen gezeigt, die andernorts längst erprobt und ausdiskutiert waren. Aber für Sommertheater schienen die Haller Inszenierungen neu, von erregender Kraft und phantasiereichem Geist geprägt.

Wenn Freilichttheater professionell gearbeitete Inszenierungen in einer nicht nur auf Wirkung, sondern auch intellektuelle Ordnung zielende Dramaturgie bietet, mit dem Einsatz engagierter Schauspieler, die ihren Text nicht selbst-gefällig abspulen, sondern in der Sommerfrische des Theaters hinter den Text-vorlagen gearbeitet haben, dann hat Freilichttheater nicht nur einen Unterhaltungswert für Familienausflüge und Betriebsfeiern, sondern erfüllt auch den Anspruch gesellschaftlich abgesicherte Werte zu befragen.

Schwäbisch Hall konnte in den letzten Jahren Anregung geben - über den schönen und luftigen Sommer-Theaterabend hinaus, vielleicht bei dem einen oder anderen Zuschauer sogar geistige Prozesse in Gang setzen fürs verstärkte Nachdenken über so alltägliche Themen wie Recht und Unrecht, Schuld und Reinheit, Krieg und Frieden, Demokratie und Diktatur, eigenverantwortliches Handeln und Schicksal - die vielen kleinen Schwächen und Stärken menschlichen Lebens. Das muß und soll sein - neben der puren Unterhaltung. Denn Theater unter freiem Himmel ist auch ein Instrument der Aufklärung.

Bei der Herstellung und Konzeption von Theater für die Haller Freilichtspiele hat es in den letzten zehn Jahren oft harte Auseinandersetzungen gegeben, Skandale - aber auch immer wichtige Diskussionen. Eine Offenheit des Geistes, die erhalten bleiben sollte. Denn sie ist selten in Sommertheatern anzutreffen. Die guten freiheitlichen Aspekte reichsstädtischer Tradition verpflichtet - auch die Haller Treppenspiele.

Aufsatz für das Buch
 „Arbeitsergebnisse der Freilichtspiele Schwäbisch Hall 1968 bis 1985“, 
200 Seiten, Schwäbisch Hall, Juni 1985
Rhein-Neckar-Zeitung
Neckar Express

Freilichtspiele Hall - Shakepeares " Hamlet" (1995)

Hamlet auf der Haller Treppe (1995)

Ein Getriebener der eigenen Worte

Von Jürgen Dieter Ueckert

Mit Gift und Schwert wird in Schwäbisch Hall schon lange nicht mehr gemordet, wenn es um die ungeliebte Obrigkeit geht. Die vier Oberbürgermeister-Wahlen der letzten Monate in der betulichen Salzsiederstadt haben gezeigt, daß es mit anonymen Anrufen und Einsprüchen auch geht, wenn man jemanden zur Strecke bringen will, der zuvor zum „schwäbischen König“, sprich OB gekürt wurde. Ob der Intendant der Freilichtspiele Achim Plato deshalb in weiser Vorahnung die nach seinem Dafürhalten für unsere Zeit hochaktuelle Shakespeare-Tragödie „Hamlet“ als Auftaktinszenierung auf die 54 Stufen der gigantischen Treppen-Bühne vor dem Barock-Rathaus setzte? Wer weiß.

Auf jeden Fall hat er mit seiner Zweidreiviertel-Stunden-Inszenierung einen Klassiker ohne Verrenkungen und modische Mätzchen auf die Treppe gesetzt, der sich in der Freilichttheater-Landschaft Baden-Württembergs und darüber hinaus sehen lassen kann. Auch wenn die Zuschauer gegen 23 Uhr nach zweieinhalb Stunden Zuschauen beim Satz „Finden Sie nicht auch, daß es hier sehr kalt ist.“, klammen Beifall spendeten. Eine viertel Stunde weniger Treppen-Spiel und der Theaterabend auf dem Haller Marktplatz wäre durchaus erträglich geworden – allein wegen der Kälte.

Vor allem der Hamlet-Darsteller Thomas Stecher, Schauspieler am Berliner Ensemble, brachte mit seiner Interpretation viel Glanz in die Inszenierung. Nicht nur daß hier endlich mal wieder ein junger Schauspieler auftrat, der verständlich sprechen konnte, sondern weil dieser Hamlet seinen Text in jugendlicher Selbstüberschätzung schwankend zwischen Intellekt und Gefühl auslebte. Er wartete förmlich lauernd auf die Reaktion seiner Mitspieler mit seinen spielerisch hingeworfenen Unverschämtheiten.

Mit verhaltener Ironie, bösartigem Sarkasmus und wehleidigem Schmerz schleuderte er seine Worte wie Pfeile ab – und traf. Das alles in rasantem Wechsel von Gefühlsschmerzen und aufbegehrendem Geist, von hektischer Betriebsamkeit und traurig-schönem Abklopfen der eigenen Befindlichkeit. Aber da kam wenig an spielerischer Reaktion von seinen Kollegen auf der Bühne. Steif und teilweise recht behäbig formten viele ihre Klassikertexte auf der Treppe.

Wenn auch zu Beginn des Abends, als der Haller Marktplatz und die Treppe noch in helles Tageslicht getaucht waren, die Mühen im Spiel und um den Text bemerkbar waren, die Nervosität auch des Hauptdarstellers oftmals amüsante Anklänge an den jungen Heinz Rühmann in seinen frühen Filmkomödien erkennen ließ, so fesselte mit einbrechender Dunkelheit das Spiel um tiefe Verletzungen und Rache doch immer mehr. Der Haller Hamlet wurde nahezu unmerklich zu einem Getriebenen seiner eigenen Worte, der nicht will, was geschieht, aber durch die sachlichen Umstände zu Taten veranlaßt wird, die er spielerisch schon längst mit Worten und letztlich in ihrer tödlichen Konsequenz nicht beabsichtigt hat.

Achim Plato beläßt die Treppe als Raum, verstellt ihn gelegentlich nur durch riesige Wehrschilder, die Orte des Geschehens andeuten, belegt die Stufen mit überdimensionalen Kissen, auf denen der dänische Hof lagert. Allein der Auftritt der Schauspieler-Truppe mit ihrem Karren, das Theater auf dem Theater, ergänzt die reale Bühnentreppe um ein Riesen-Requisit. Dieser Karren dient dann auch als Friedhof für den Totengräber, von dem Hamlet jenen Schädel überreicht bekommt, der das Stück seit Jahrhunderten illustriert: Der Hauptdarsteller räsonniert mit dem Totenkopf in der Hand über die Vergänglichkeit. Verfälschende Romantiktradition, in so manche Stadttheater und deutsche Intellektuelle gern „ihren Hamlet“ sehen, schimmerte in Schwäbisch Hall gelegentlich durch – wenn auch sehr verhalten.

Makaberer britischer Humor in einem politischen Drama aber kam kaum zum Tragen. Dafür hatte sich die Inszenierung zu ehrfürchtig, demutsvoll und ängstlich dem Klassiker Shakespeare genähert – und den subtilen und schwarzen Shakespeare-Humor nicht ernst genug genommen. Auch wenn etwas faul ist im Staate Dänemark und die Moral verrottet scheint, Prinz Hamlet ist ja nicht nur ein tragischer Held, sondern darüber hinaus ein höchst amüsanter Unterhalter, der mit Friedhofshumor den Lauf seiner Welt wider die konservative Sitte und die politische Vernunft kommentiert – und daran folgerichtig auf einer leichengepflasterten Bühne zugrunde geht.

Unter den Texten in Schlegel-Übersetzung wimmerte und waberte in Hall gelegentlich die Musik von Michael Fuchs sphärisch dahin, oft dröhnte sie zu laut aus den Boxen neben der Kirche Sankt Michael und ließ die Sprache der Schauspieler unverständlich werden. Der Geist von Hamlets Vater (Peter Panhans) in seiner grauen Horrorerscheinung mit wüster Grabesstimme erinnerte doch mehr an Walt-Disney-Märchenfilme. Mozarts Don Giovanni winkte merklich durch die Torbögen der Kirche Sankt Michael zu Hall. Schaurig wie im Puppentheater – eben märchenhaft nett.

Seltsam wurstig und kleinbürgerlich spießig gaben sich das Königspaar von Dänemark – Kurt Sternik als Claudius und Heidemarie Wenzel als Gertrud. Und Ophelia, die Liebende und weiblicher Spielball Hamlets, hatte in Julia Christina eine hypersensible und schrille Darstellerin, die somit wirklich nur als willfährige Tochter ihres recht dämlichen Vater Polonius (Paul Weismann) auftritt. Daß sie mit dieser Haltung Hamlet nur nervte, war nicht verwunderlich und durchaus verständlich. Das soll ja auch im wirklichen Leben gelegentlich vorkommen. Aber im Verhältnis Hamlet-Ophelia könnte mehr als dieser flache Aspekt liegen.

Kennzeichnend für die Absicht der Inszenierung: Der überaus schlicht vorgetragene Monolog „Sein oder Nichtsein“. Hamlet spaziert mit bloßen Füßen geradeaus die Treppe herunter – auf einem von einem Scheinwerfer gekennzeichneten Weg, Stufe um Stufe, Satz um Satz. Das ist konzentriert, spannend und die Worte gewinnen eine Kraft, die fesselt und dankbar vom Publikum mit begeistertem Beifall belohnt wird.

Wer den englischen Dramatiker Shakespeare und deutsches Freilichttheater mag, der sollte sich diesen Haller Hamlet anschauen. Nicht nur wegen des herausragenden Hauptdarstellers, der sein Drama wie einen spannenden Psycho-Krimi darlegt, sondern auch wegen der einmaligen Marktplatz-Kulisse, in der nun schon seit 72 Jahren auf einer grandiosen 54stufigen Kirchentreppe Theater gespielt wird.