Montag, 31. März 2014

Freilichtspiele Hall - Brechts "Dreigroschenoper" (1982)

Bert Brechts „Dreigroschenoper“ in Schwäbisch Hall

Sommertheater vor und auf der Treppe

Von Jürgen Dieter Ueckert

Die Eröffnungspremiere auf den 54 Stufen der rund siebzig Meter breiten Treppe vor Sankt Michael in Schwäbisch Hall zog auch in diesem Jahr wieder Prominenz an. Neben ehemaligen Ministern des Landes, wenigen hohen Staats­beamten und anderen ließ sich auch der baden-württembergi­sche Ministerpräsident Lothar Späth unter dem Zuschauervolk blicken - von einem matten Be­grüßungsapplaus begleitet.

Der ein wenig stärkere galt später den Schauspielern.- nach dem Spiel auf der Treppe in ba­rocken Rathaussaal.  Kurz nach Mitternacht beim Stehempfang für das Ensemble, ließ der Regierungschef in einer kleinen Ansprache launisch anklingen, daß die Bettleroper ihm vor allem gefallen habe, weil das Thema ja die derzeitige Finanz­situation im Lande beschreibe. Man bediene sich zur Behe­bung nur anderer Mittel, als bei Brecht gezeigt.

Der hochwillkommene Gast kulturpolitisch: er sang ein Lob auf das „Konzept der dezentra­len Kunstförderung". Das er­freute den Oberbürgermeister der Salzsieder-Stadt am Kocher, Karl Friedrich Binder, der zuvor noch seine ängstlich klingende rhetorische Frage nach den Bettlern auf der Treppe mit ei­nem Selbstvertrauen einflößen­den „Ja" beantwortet hatte.

Schließlich hätte es auch in frü­heren Jahrhunderten - histo­risch belegt - Bettler auf der Haller Treppe gegeben. Denn Reich und Arm, Hoch und Nie­der - sie hätten alle von jeher ihren Auftritt auf der Treppe ge­bt, nicht nur als Schauspieler. Brechts Dreigroschenoper als Parodie-Vorlage für die Staats­gewalt bei Brötchen und Wein?

Der Dichter hätte vielleicht - so er das lebend mitangesehen und - gehört - gegen dieser Art der Vereinnahmung prozes­siert, wie einst gegen die Verfil­mung des Dreigroschenoper-Stoffes. Jedenfalls gegen die Aufführung in der Haller Fas­sung hätte er bestimmt Protest eingelegt, wenn sie nicht gar verbieten lassen.

Die Inszenie­rung von Achim Plato wollte - so schien es mir - den Revue-Cha­rakter des Stückes herausarbei­ten. Der Anfang dafür war auch vielversprechend. Das Ensem­ble zeigte sich auf der Treppen­bühne: Bettler, Polizei, Gang­ster, Huren. Man sang flüsternd seinen „Haifisch, der Zähne“ hat. Standbilder wurden gezeigt; das heißt, Schauspieler zuckten sich zu verkrüppelten Bettlern zurecht - zum Beispiel.

Das Revuehafte der Inszenierung sollte ein Stahlgerüst unterstreichen, das in drei Ebenen aufgeteilt war, umspannt von Glühbirnenketten, die entwe­der buntes, rotes oder das land­läufige Glühbirnenlicht verstrahlten. Die Musik für die Songs kamen vom Band, in ei­ner Mischung aus trägem Dis­co-Sound und müder Barmusik-Berieselung, von Paul Vincent Gunia arrangiert, so daß die in­tensiven Rhythmen der Kurt -Weill'schen Tonfolgen wie ein zäher Brei über die Treppenstu­fen flössen.

Zu dieser Art der Verkrüppe­lung des Spiels gesellte sich noch eine eigentümliche Auf­fassung der Verfremdung in dieser Treppen-Inszenierung. Wurde ein Song fällig, unter­brachen die Schauspieler ihr Spiel, begaben sich flugs an ei­nen Ort, an dem ein Mikrofon aufgestellt war, prüften ihre Stellung mit kurzem Blick zum Aufnahmegerät - und weiter ging's gesanglich im Text.

An­sonsten bemühte man sich ums Publikum: Miteinander wurde von den Schauspielern selten gespielt. Das Gesicht und die Ansprache zum Zuschauer soll­ten Brechts Forderung nach „Übermittlung des Stoffs" ge­recht werden. So eingleisig hat­te der Meister seine Vorstellung vom epischen Theater nicht aufgefaßt - wie seine „Anmerkun­gen zur ,Dreigroschenoper' “ zeigen.

Denn der Schauspieler „muß natürlich jene Haltung einneh­men, durch die es sich der Vor­gang bequem macht". Er muß jedoch auch noch Beziehungen - so Brecht - zu anderen Vor­gängen als denen der Fabel ein- gehen können, also nicht nur die Fabel bedienen.

In Achim Platos Inszenierung sind die Banditen zum Beispiel aus­nahmslos Typen der miesesten Art, Verbrecher mit schlechten Manieren, dumme Gangster-Visagen in Prolo-Manier. Bei Brecht sollen es „natürlich ge­setzte Männer" sein, „teilweise beleibt und ohne Ausnahme au­ßerhalb ihres Berufes umgäng­lich". Die Schauspieler können hier - so Brecht - die Nützlich­keit bürgerlicher Tugenden und die innige Beziehung zwischen Gemüt und Gaunerei zeigen.

In der Haller Version gehen diese Bezüge aber unter. Die Auseinandersetzungen zwi­schen dem Bettlerkönig Peachum, der die Bettler auf einer primitiven Stufe ausbeutet, und dem modernen Gangstertum ei­nes Mackie Messer sind schlicht gestrichen. Die ökono­mischen Sentenzen, die Erklärungen zum kapitalistischen

Wirtschaftssystem sind eben­falls - bis auf geringe Ausnah­men - weggefallen. Es bleibt die Liebesgeschichte zwischen Polly Peachum und Macheath, die unerfüllte Soldatenliebe zwischen Mackie Messer und Jack Brown, dem obersten Poli­zeichef von London.

Dank dieser Inszenierung führen die Songs ein nicht die Story verbindendes Eigenleben. Mit einigen müden Gags ver­suchte man das ansonsten lang­weilige Geschehen aufzumuntern. Vor allem natürlich bei der Hochzeitsfeier von Mackie und Polly mit der „Platte", den Gangstern. Bei dem mit Vorur­teilen schlichter Art - ohne Auf­lösung - übersäten Geschehen in Hall, der holzschnitzartig herausgearbeiteten Geschichte, wurde doch sichtbar, daß es einige schauspielerische Bemü­hungen gab.

Hans Peter Hallwachs als Ma­cheath versuchte eine emotionslose Schnauze. Aber dabei blieb es auch. Herbert Stass als Jonathan Peachum zeigte eben­falls mit einer Ebene seiner Darstellungskünste eine ganze Menge an Qualität. Bei der Spelunken-Jenny der Johanna Lie­beneiner wurde vielschichtig gearbeitet, sowohl in den Songs als auch in den Sprechtexten. Susanne Heydenreich als Polly verließ sich auf eine platte In­terpretation in Gegensätzen und Wolfgang Schwarz als Poli­zeichef Brown stellte mehr aus statt dar.

Aber bei dieser simplen Volksausgabe einer gereinigten Dreigroschenoper in der Insze­nierung des Freilichttheater-In­tendanten Achim Plato wurden ja nicht nur Schauspieler in ih­rem Können eingeschränkt, auch der Text wurde um seine Bedeutung gebracht. So reinigt man für Sommerfestspiele Klassiker  - für das Touristentheater. Und das noch nicht einmal auf dem Original-Spielort „Treppe" in Hall, sondern auf dümmlichen Podesten, einem sehr einfallslosen Bühnenbild vor einer für diese Oper doch geradezu grandiosen Kulisse.

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