Sommertheater vor und auf der Treppe
Von Jürgen Dieter
Ueckert
Die
Eröffnungspremiere auf den 54 Stufen der rund siebzig Meter breiten Treppe vor
Sankt Michael in Schwäbisch Hall zog auch in diesem Jahr wieder Prominenz an. Neben
ehemaligen Ministern des Landes, wenigen hohen Staatsbeamten und anderen ließ
sich auch der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth unter dem
Zuschauervolk blicken - von einem matten Begrüßungsapplaus begleitet.
Der
ein wenig stärkere galt später den Schauspielern.- nach dem Spiel auf der Treppe
in barocken Rathaussaal. Kurz nach
Mitternacht beim Stehempfang für das Ensemble, ließ der Regierungschef in einer
kleinen Ansprache launisch anklingen, daß die Bettleroper ihm vor allem
gefallen habe, weil das Thema ja die derzeitige Finanzsituation im Lande
beschreibe. Man bediene sich zur Behebung nur anderer Mittel, als bei Brecht
gezeigt.
Der
hochwillkommene Gast kulturpolitisch: er sang ein Lob auf das „Konzept der
dezentralen Kunstförderung". Das erfreute den Oberbürgermeister der
Salzsieder-Stadt am Kocher, Karl Friedrich Binder, der zuvor noch seine
ängstlich klingende rhetorische Frage nach den Bettlern auf der Treppe mit einem
Selbstvertrauen einflößenden „Ja" beantwortet hatte.
Schließlich
hätte es auch in früheren Jahrhunderten - historisch belegt - Bettler auf der
Haller Treppe gegeben. Denn Reich und Arm, Hoch und Nieder - sie hätten alle
von jeher ihren Auftritt auf der Treppe gebt, nicht nur als Schauspieler.
Brechts Dreigroschenoper als Parodie-Vorlage für die Staatsgewalt bei Brötchen
und Wein?
Der
Dichter hätte vielleicht - so er das lebend mitangesehen und - gehört - gegen
dieser Art der Vereinnahmung prozessiert, wie einst gegen die Verfilmung des
Dreigroschenoper-Stoffes. Jedenfalls gegen die Aufführung in der Haller Fassung
hätte er bestimmt Protest eingelegt, wenn sie nicht gar verbieten lassen.
Die
Inszenierung von Achim Plato wollte - so schien es mir - den Revue-Charakter
des Stückes herausarbeiten. Der Anfang dafür war auch vielversprechend. Das
Ensemble zeigte sich auf der Treppenbühne: Bettler, Polizei, Gangster,
Huren. Man sang flüsternd seinen „Haifisch, der Zähne“ hat. Standbilder wurden
gezeigt; das heißt, Schauspieler zuckten sich zu verkrüppelten Bettlern zurecht
- zum Beispiel.
Das
Revuehafte der Inszenierung sollte ein Stahlgerüst unterstreichen, das in drei
Ebenen aufgeteilt war, umspannt von Glühbirnenketten, die entweder buntes,
rotes oder das landläufige Glühbirnenlicht verstrahlten. Die Musik für die
Songs kamen vom Band, in einer Mischung aus trägem Disco-Sound und müder
Barmusik-Berieselung, von Paul Vincent Gunia arrangiert, so daß die intensiven
Rhythmen der Kurt -Weill'schen Tonfolgen wie ein zäher Brei über die Treppenstufen
flössen.
Zu
dieser Art der Verkrüppelung des Spiels gesellte sich noch eine eigentümliche
Auffassung der Verfremdung in dieser Treppen-Inszenierung. Wurde ein Song
fällig, unterbrachen die Schauspieler ihr Spiel, begaben sich flugs an einen
Ort, an dem ein Mikrofon aufgestellt war, prüften ihre Stellung mit kurzem
Blick zum Aufnahmegerät - und weiter ging's gesanglich im Text.
Ansonsten
bemühte man sich ums Publikum: Miteinander wurde von den Schauspielern selten
gespielt. Das Gesicht und die Ansprache zum Zuschauer sollten Brechts Forderung
nach „Übermittlung des Stoffs" gerecht werden. So eingleisig hatte der
Meister seine Vorstellung vom epischen Theater nicht aufgefaßt - wie seine
„Anmerkungen zur ,Dreigroschenoper' “ zeigen.
Denn
der Schauspieler „muß natürlich jene Haltung einnehmen, durch die es sich der
Vorgang bequem macht". Er muß jedoch auch noch Beziehungen - so Brecht -
zu anderen Vorgängen als denen der Fabel ein- gehen können, also nicht nur die
Fabel bedienen.
In
Achim Platos Inszenierung sind die Banditen zum Beispiel ausnahmslos Typen der
miesesten Art, Verbrecher mit schlechten Manieren, dumme Gangster-Visagen in
Prolo-Manier. Bei Brecht sollen es „natürlich gesetzte Männer" sein,
„teilweise beleibt und ohne Ausnahme außerhalb ihres Berufes umgänglich".
Die Schauspieler können hier - so Brecht - die Nützlichkeit bürgerlicher
Tugenden und die innige Beziehung zwischen Gemüt und Gaunerei zeigen.
In
der Haller Version gehen diese Bezüge aber unter. Die Auseinandersetzungen zwischen
dem Bettlerkönig Peachum, der die Bettler auf einer primitiven Stufe ausbeutet,
und dem modernen Gangstertum eines Mackie Messer sind schlicht gestrichen. Die
ökonomischen Sentenzen, die Erklärungen zum kapitalistischen
Wirtschaftssystem
sind ebenfalls - bis auf geringe Ausnahmen - weggefallen. Es bleibt die
Liebesgeschichte zwischen Polly Peachum und Macheath, die unerfüllte
Soldatenliebe zwischen Mackie Messer und Jack Brown, dem obersten Polizeichef
von London.
Dank
dieser Inszenierung führen die Songs ein nicht die Story verbindendes
Eigenleben. Mit einigen müden Gags versuchte man das ansonsten langweilige
Geschehen aufzumuntern. Vor allem natürlich bei der Hochzeitsfeier von Mackie
und Polly mit der „Platte", den Gangstern. Bei dem mit Vorurteilen
schlichter Art - ohne Auflösung - übersäten Geschehen in Hall, der
holzschnitzartig herausgearbeiteten Geschichte, wurde doch sichtbar, daß es
einige schauspielerische Bemühungen gab.
Hans
Peter Hallwachs als Macheath versuchte eine emotionslose Schnauze. Aber dabei
blieb es auch. Herbert Stass als Jonathan Peachum zeigte ebenfalls mit einer Ebene
seiner Darstellungskünste eine ganze Menge an Qualität. Bei der Spelunken-Jenny
der Johanna Liebeneiner wurde vielschichtig gearbeitet, sowohl in den Songs
als auch in den Sprechtexten. Susanne Heydenreich als Polly verließ sich auf
eine platte Interpretation in Gegensätzen und Wolfgang Schwarz als Polizeichef
Brown stellte mehr aus statt dar.
Aber
bei dieser simplen Volksausgabe einer gereinigten Dreigroschenoper in der Inszenierung
des Freilichttheater-Intendanten Achim Plato wurden ja nicht nur Schauspieler
in ihrem Können eingeschränkt, auch der Text wurde um seine Bedeutung
gebracht. So reinigt man für Sommerfestspiele Klassiker - für das Touristentheater. Und das noch nicht
einmal auf dem Original-Spielort „Treppe" in Hall, sondern auf dümmlichen
Podesten, einem sehr einfallslosen Bühnenbild vor einer für diese Oper doch
geradezu grandiosen Kulisse.
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