Das Portrait
Achim Plato
Zehn Jahre Theater-Leiter der Freilichtspiele Schwäbisch Hall
Für Achim Plato liegt das „Erlebnis Theater“ und seine Fortsetzung im Beruf des alltäglichen Lebens in der Kindheit begründet. Genauer gesagt – in einem „Erlebnis, das ein Keim für meine Theaterleidenschaft war“. Die Heimatstadt Dresden lag 1945 in Schutt und Asche. Das ehemalige „Komödienhaus“ war nur - dank der Einrichtung von Bretterwänden - bespielbar.
Weihnachten 1945 stand von der Tür. Man spielte ein Märchenstück „Blinke Blitzchen“. Vermummt in dicke Schaals, Wollmützen und Mäntel saßen Kinder und Erwachsene in diesem Theater-Provisorium.
„Aber als der Vorhang sich öffnete und ein hellerleuchtete Himmel sichtbar, waren für mich und die Mit-Zuschauer die trostlosen Ruinen-Trümmerhaufen in Dresden vergessen.“ Erinnert sich Achim Plato heute. Nach seinem ersten unvergesslichen Theatererlebnis gingen er und seine Tante nach Hause. Die Stromsperre hatte eingesetzt. „Und trotzdem feierten wir Weihnachten - aber die sächsische. Und die war und sind besonders schön.“
Achim Plato ist der erstgeborene Sohn eine Kaufmanns. Zur Welt kam er 8. März 1936 in Riesa, einem Vorort von Dresden. Noch in wacher Erinnerung sind ihm die Ereignisse der grauenhaften Zerstörung der sächsischen Metropolen –durch vier Angriffswelle der Royal Air Force (RAF) und United States Army Air Forces (USAAF) vom 13. bis 15. Februar 1945.
„Die Nachmittagsangriff am 13. Februar 1945 erlebten meine Mutter, mein sechs jüngere Bruder und ich im bei einem Spaziergang. Wir konnten uns in einem Luftschutzbunker retten. Ein Onkel von mir holte am Abend in sein Haus in Plauen, einem Vorort auf der Höhe auf der Anhöhe um Dresden. Und von dort aus sah ich den Nachtangriff aus Dresden, der völligen Zerstörung meiner Heimatstadt.“
Feuerwerke sind für Achim Plato seit dem ein Gräuel: „Ich empfinde keine Freude bei Feuerwerken – ich erinnere mich jedes Mal an diese schreckliche in Dresden.“
Im Jahre 1942 war Achim Plato eingeschult worden. Später besuchte er in Dresden das Humanistische Gymnasium. Erinnerungen aus der Kinderzeit in Ruinen? „Ich sah auch die poetischen Seiten dieser Trümmer. Als Kind spielte ich viel in diesen Ruinen. Als Jugendlicher habe ich eine Menge Zeichnungen von den Dresdener Ruinen angefertigt.“
Die Russen waren eine verhasste Besetzungsmacht in? „Die Besatzungsmacht, die Russen, ist mir eigentlich nur in guter Erinnerung geblieben. Sie war sehr kinderlieb. Wir haben oftmals ganze Eimer voller Erbsensuppe nach Hause geschleppt, die wir von den russischen Soldaten geschenkt haben.“
Ein anderes Ergebnis diese Kinder-Kriegsgeneration: „Ich wuchs praktisch ohne Vater auf. Als der Krieg begann, war ich drei Jahre alt. 1945, beim Kriegsende war ich neun geworden. 1949 erst kam mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause. Da wurde ich 14 Jahre alt.“
„Was mir als Jugendlicher besonders auffiel, das war, dass meine Eltern unter großen Entbehrungen für unsere Familie sorgten. Meine Mutter fuhr tagsüber oft mit ihrem Rad auf das Land, arbeitete hart bei den Bauern, um am Abend mit zwei Litern Milch heimzukehren.“ Und sein Vater fuhr mit seinem Fahrrad „hamstern“. Man nannte das damals, damit die Familie das Notwendige zum Essen hatte.
In die Bundesrepublik, in den „goldenen Westen“ seines Vaterlands Deutschland, zog Achim Plato 1955 – besser gesagt - er „floh“. Nicht Abenteuerlust trieb den jungen 19 jährigen Mann, sondern politische Verfolgung - er saß zwei Jahre in Dessau in Jugendhaft – und in verschiedenen Stasi-Gefängnissen eingesperrt. Darüber schweigt er heute. Warum? Keine Antwort.
Warum Achim Plato nach seiner Flucht nach West-Berlin Stuttgart als Zielort angab, als man ihn im Berliner Flüchtlingslager fragte, wohin er wolle - das kann Achim Plato heute nicht mit Bestimmtheit sagen. „Ich wusste nur, dass in Stuttgart dort viele Verlagshäuser sind, viele Dichter herkommen, gutes Theater gespielt wird.“
Nach Aufenthalten in diversen Flüchtlingslagern in Baden-Württemberg landete Achim Plato nach Esslingen - und arbeitete als Flaschner- und Installateur-Gehilfe. Aber es stellte sich bald heraus, „das war nichts für mich“. Der nächste „Beruf“ war für ihn kaufmännischer Angestellter. „Danach war ich Versandleiter in einer Firma für Krankenhaus-Bedarfsartikel. In dieser Zeit lernte ich das Land kennen, durch die Fahrten von Krankenhaus zu Krankenhaus.“
Neben der täglichen Arbeit besuchte Achim Plato am Abend die Schauspielschule in Stuttgart. Er erhielt in dieser Privat-Schule Unterricht von den bekannten Schauspielern Erich Ponto und Lilo Barth. 1961 kam seine Schauspielprüfung, die er bestand. Die erste Rolle bekam er noch während der Schauspiel-Zeit in der „Theater der Altstadt“ bei Elisabeth Justin.
Für den jungen Schauspieler Achim Plato gab es dann Engagements am Jungen Theater Göttingen, am Staatstheater Darmstadt, am Stadttheater Ingolstadt und am Pfalztheater Kaiserslautern. Dort „durchforstete“ er die gesamte Sparte des Schauspiels: Operette, Musical, Liebhaber- und Komiker-Rollen. Nebenher gab es auch schon kleine Rollen im Fernsehen.
1962 kam er, der „Musterschüler Lilo Barths in Stuttgart“ nach Schwäbisch Hall zu den Freilichtspielen – bei dem „legendären“ Intendant Wilhelm Speidel. Als Regieassistent und Schauspieler war er engagiert. Und seitdem ist Achim Plato in jedem Sommer bei den Haller Treppen-Spielen mit dabei.
In den letzten vier Jahren im Leben des Speidels war Achim Plato persönlicher Referent des Intendanten. „Ich hatte das Geld zu verwalten, Verträge im kleinen Ausmaße abzuschließen.“ Regiearbeit lernte Plato bei Wilhelm Speidel und bei Ludwig Berger, einem Regisseur aus dem Berlin der zwanziger Jahre, der in der Emigration in Hollywood Filmregisseur war.
„Ludwig Berger war ein Shakespeare-Forscher, ein Mann von ungeheurer geistiger Disziplin. Wenn ich ihn in seinen letzten Jahren seines Lebens besuchte, gab es nach dem Abendessen eine Regie-Aufgabe. Irgendeine Shakespare-Szene musste gelöst werden. Das Ergebnis war beim Frühstück vorzulegen. Bei Ludwig Berger lernte ich die theoretische Seite der Schauspiel-Regie ausführlich, bei Wilhelm Speidel lernte ich die praktische Seite für die Treppe in Hall.“
Nach Wilhelm Speidels Tod 1968 wurde Achim Plato zunächst „künstlerischer Treuhändler“, später dann 1973 „Künstlerischer Leiter“ der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. Plato bearbeitete zunächst die Speidel-Inszenierungen des „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal - und später das „Salzburger große Welttheater“. Bei beiden Schauspielen führte Achim Plato dann dadurch auch Regie.
Achim Platos Regiearbeiten später dann auf der Haller Treppe: „Weibervolksversammlung“ (Aristophanes), „Die lustigen Weiber von Windsor“ (Shakespeare) und „Die Räuber“ (Schiller). Wenn die Festspiele in Hall vorüber sind, dann inszeniert Plato in den Normal-Spielzeiten an anderen Bühnen des deutschen Theaters, so zum Bespiel in Bregenz, Göttingen oder Marburg. Häufig tritt Plato im deutschen Fernsehen als Schauspieler auf. Und über vier Jahre hinweg leitete auch eine Theatertruppe in der Jugendstrafanstalt Hall.
Rückblick auf seiner Theaterarbeit auf der zehn Jahre in der Theaterarbeit auf der Haller Treppe – Achim Plato wird ideologisch: „Wir haben die Treppe in ihrem Lebensraum gesehen und betrachtet, den Marktplatz, die alten Häuser und das Barock-Rathaus. Hier spielten sich in den Jahrhunderten Tragödien und Komödien ab. Bettler lungerten auf der Treppe, das Volk ging die Treppe zum Sakralbau hinauf.“
Achim Platos Logik daraus: „Wir wollten nach Wilhelm Speidel in unserer Theaterarbeit auch zeigen, dass man auch wieder die Treppe hinuntergehen kann, in unsere Welt des Alltags. Das Konzept, auch Komödien zu zeigen, modernes Theater von Brecht, Dürrenmatt und Sartre spielen, das hat sich bewährt.“
Platos Fazit nach achtzehn Jahre Treppen-Spiel in Schwäbisch Hall: „Hätten wir die Öffnung der Freilichtspiele nicht gemacht, der Spielplan wäre erstarrt. Gastregisseure wie Kurt Hübner und Kai Braak haben ihre besonderen Handschriften auf der Treppe eingemeißelt.“
Jürgen Dieter Ueckert
Donnerstag, 10. August 1978 / Neckar Express / Rhein-Neckar-Zeitung
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