Freitag, 18. November 2022

15. 06.1985 - Arbeitsergebnisse der Freilichtspiele Schwäbisch Hall 1968 bis 1985

 Reichsstädtischer Tradition verpflichtet

 Von Jürgen Dieter Ueckert

 Schwäbisch Hall besitzt eine Treppe mit 54 Stufen. Wahrlich ein imposantes Bauwerk; ob der Betrachter vom Marktplatz aus hinauf- oder vom Münsterportal hinabschaut. Die Spannung, die dabei erzeugt wird, ist eine ästhetische - von der Architektur vorbestimmte. Man kann immer nur lapidar feststellen „wie schön”.

 Einen vernünftigen Grund, auf der Haller Kirchentreppe sommers Theater zu spielen, die Zuschauer auf den abschüssigen Marktplatz zu setzen, um sie von dort aus Schauspieler bewundern zu lassen, die viele Treppenstufen akrobatisch beturnen - der ist schwerlich herbeizudiskutieren. Es muß ein Besessener gewesen sein, der den Gedanken einst faßte und eine Kleinstadt veranlaßte, ihn in die Tat umzusetzen. Das Haller Treppentheater gebar ein neues Sehen, wertete Zuschauer-Traditionen um: man schaut zum Geschehen hoch statt herunter.

 Treppen in der Oper, in Operetten, im Musical oder im Historien-Drama, Treppen auf Reichsparteitagen - überall dort, wo das stammelnde Imponiergehabe von­nöten ist. Das mag noch angehen, seine Reize haben. Aber eine ganze Bühne - bestehend aus Stufen? Man gewöhnt sich an vieles im Theater. Und wie schnell erst an die Haller Treppe. Warten auf ein Theaterspiel in Schwäbisch Hall; auf einem in Jahrhunderten gewachsenen Platz, umkränzt von ohne einengende Bauvorschriften geschaffenen Bürgerhäusern, die nicht unbedingt stilsicher wirken, aber anheimelnd raunen - das macht Lust aufs Zuhören und -schauen; Bürgermarkt als Kultur-Forum.

 „Kultur in der Provinz” - zwischen den Spielzeiten der Stadt- und Staatstheater, das ist in der Region Franken eine bürgerliche Forderung - von alljährlich knapp 100000 Zuschauern. Eine politisch anerkannte, finanziell gut bezuschußte Forderung. Aber seit Heilbronn sein neues Stadttheater mit ständig wachsenden Rekord-Zuschauerzahlen besitzt, müssen die drei Freilichttheater der Region ihren Platz und Stellenwert deutlicher machen - bestimmt auch neue Zuschauergruppen ansprechen. Theater in der Region Franken ist jetzt mehr als nur ein Sommervergnügen.

 Sommertheater, Freilichttheater, Festspiele - alles bunt lackiert, auf Tradition getrimmt, unverbindliches Klassiker-Inszenieren und derbes Volkstheater - eine neue Biedermeier-Zeit? Eingenebelt von einem Parfüm, das - wie von Duft von großer weiter Welt -  betäubt. Provinzielle Kultur – mit dem Rausche erzeugt? Aber der bodenständige Geruch von Provinz ist zu stark, dringt immer wieder durch. Eine Symbiose?

 Theater-Welt ist es schon, wenn Schauspieler von Film, Funk und Fernsehen, aus Staats- und Stadttheatern in die Kleinstadt kommen. Vielleicht ist es der Reiz, von der alltäglichen, oft zu artifiziellen Theaterherstellung in eine nahezu unberührte Landschaft zu gelangen - nicht in eine Stadttheaterprovinz, sondern in die kleinbürgerliche Aufgeschlossenheit, die von einem großen Engagement fürs Theaterspielen durchzogen ist. Schließlich waren die Freilichtspiele in diesem Jahrhundert entstanden aus dem, was Bevölkerungsschichten bis hinein in die Arbeiterschaft bei den Bürgern des 19. Jahrhunderts adaptiert hatten. Bildung als Krücke zur Emanzipation - Goethes Weimar läßt grüßen.

 Eine Stadt erlebt das Werden von Inszenierungen. Probezeiten für Berufsschauspieler auf ungewohnten Probebühnen - unter freiem Himmel in glühender Sonne oder in Regenmänteln. In Schwäbisch Hall gibt es viele an Skandale sich annähernde, lautstarke Auseinandersetzungen: Schauspieler und Regisseure kontra Fußgänger und Anlieger. 

Da ist auf einmal die Distanz zwischen Bühnenkunst und realer Darstellung auf ein scheinbar unerträgliches Maß geschrumpft. Der Kontakt zum potentiellen Publikum wird unmittelbar. Und genossen wird er auf beiden Seiten, ob später im Wirtshaus oder im Wohnzimmer nacherzählt - es war ein Erlebnis. Geschichten von Gauklern und Bürgern, ihren Berührungsängsten und -freuden sind in Hall an jeder Ecke auffindbar. Ein archetypisches Thema.

 Die Gaukler sind in der Stadt - der Satz schwingt mit beim liebevollen Tätscheln mit dem Wörtchen „Treppenkaschpar”. Ein Satz, der zu den Ursprüngen, zu historischen Qualitäten des mitteleuropäischen Schauspiels führen kann.

Ob Prominente oder nur Darstellender-Schauspieler und Regisseure müssen zei­gen, daß sie auf der Treppe mehr können als zart und geistreich schmelzend spielen. Sie müssen mehr als nur einen Raum füllen, Handwerkzeuge mitbringen, die unter großen Belastungen etwas taugen. Denn die Bühne und der Zuschauerraum sind Treppe, Markt, Häuser und der freie Himmel. Shakespeares Theater scheint hier nicht nur museal.

 Tradition auf der Haller Treppe - das heißt im sechzigsten Jahr immer noch und wieder: der Hofmannsthal'sche „Jedermann”. Vor zehn Jahren gab es die Gennep'sche Version. Eine kleine Verbeugung vor der Tradition - aus Jubi­läumsgründen. In diesem Jahr ist der Diener tiefer, die Haller Tradition wieder mit Leben durchhaucht. Ob der Hofmannsthal'sche 1969 mit guten Gründen abgeschafft wurde? Man wollte in Hall kein Touristentheater und kein Sommertheater'le. Man wollte nichts, was künstlerische Freiheiten einengt, den Blick für das neue, zeitgenössische Theater des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Treppe verstellt.

 Aber Schwäbisch Hall und die Treppe - das hat sich in den Köpfen der Württemberger und darüber hinaus eingefressen - ist gleichzusetzen mit dem Traditionsstück. Vielleicht zeigt der sechzigste Geburtstag, daß „Das Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes” Chance zu einem Mehr an Freiheit sein kann - einschließlich hoher Zuschauerzahlen. Denn Touristentheater wird Som­mertheater bleiben. Das ist und wird es auch immer in den Hochburgen sein - in Bayreuth oder Salzburg.

 Die Öffnung vom hehren, statuarischen Schauspieltheater der prachtvoll-dicken Weltliteratur hin zum sensiblen, auch zum musikalischen Schauspiel auf der Treppe war die entscheidende und richtige Tat von Achim Plato - zum günstigen Zeitpunkt. In den vergangenen zehn Jahren gab es auf den Haller Stufen lebendige, mutige und geistreiche Inszenierungen: Kai Braaks „Amphitryon”, Bruno Felix' „Freiheit in Krähwinkel”, Hans Gratzers „Der Widerspenstigen Zähmung”, Kurt Hübners „Nathan der Weise”, Norbert Schwienteks „Don Juan” oder Achim Platos „Die Venezianischen Zwillinge”. Das waren bestimmt keine bahnbrechenden Regiearbeiten. Es wurden Theater-Formen gezeigt, die andernorts längst erprobt und ausdiskutiert waren. Aber für Sommertheater schienen die Haller Inszenierungen neu, von erregender Kraft und phantasiereichem Geist geprägt.

 

Wenn Freilichttheater professionell gearbeitete Inszenierungen in einer nicht nur auf Wirkung, sondern auch intellektuelle Ordnung zielende Dramaturgie bietet, mit dem Einsatz engagierter Schauspieler, die ihren Text nicht selbst-gefällig abspulen, sondern in der Sommerfrische des Theaters hinter den Text-vorlagen gearbeitet haben, dann hat Freilichttheater nicht nur einen Unterhaltungswert für Familienausflüge und Betriebsfeiern, sondern erfüllt auch den Anspruch gesellschaftlich abgesicherte Werte zu befragen.

 Schwäbisch Hall konnte in den letzten Jahren Anregung geben - über den schönen und luftigen Sommer-Theaterabend hinaus -, vielleicht bei dem einen oder anderen Zuschauer sogar geistige Prozesse in Gang setzen fürs verstärkte Nachdenken über so alltägliche Themen wie Recht und Unrecht, Schuld und Reinheit, Krieg und Frieden, Demokratie und Diktatur, eigenverantwortliches Handeln und Schicksal - die vielen kleinen Schwächen und Stärken menschlichen Lebens. Das muß und soll sein - neben der puren Unterhaltung. Denn Theater unter freiem Himmel ist auch ein Instrument der Aufklärung.

 Bei der Herstellung und Konzeption von Theater für die Haller Freilichtspiele hat es in den letzten zehn Jahren oft harte Auseinandersetzungen gegeben, Skandale - aber auch immer wichtige Diskussionen. Eine Offenheit des Geistes, die erhalten bleiben sollte. Denn sie ist selten in Sommertheatern anzutreffen. Die guten freiheitlichen Aspekte reichsstädtischer Tradition verpflichtet - auch die Haller Treppenspiele.

 Aus „Arbeitsergebnisse der Freilichtspiele Schwäbisch Hall 1968 bis 1985“, 200 Seiten, Schwäbisch Hall, Juni 1985 

 

 

 

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