Freilichtspielen in Schwäbisch Hall – Shakespeare „Der Kaufmann von Venedig“
Die Einsamkeit der alten Männer
Von Jürgen Dieter Ueckert
In Deutschland tut man sich schwer mit einer Komödie, auch wenn Shakespeare ihr Verfasser ist. Der Jude als Christenhasser, der vor der Tötung eines Menschen nicht zurückschreckt, um sein Recht zu erhalten. Ein von krankhafter Bosheit durchsetzter Mensch: der Shylock im Kaufmann von Venedig: das könnte leicht in einen Antisemitismus abgleiten. In England hat die Darstellung des geifernden Juden Shylock Tradition.
Kurt Hübner, Intendant der Freien Volksbühne Berlin, wollte in seiner Freilichtspiel-Inszenierung in Schwäbisch Hall dem Vorurteil keinen Vorschub leisten. Für ihn ist es Shakespeare pralles Leben, kein praller Realismus, der Jude schlicht der Außenseiter wie viele andere in früheren und heutigen Gesellschaft. Außenseiter, weil er einer Minderheit angehört, wie viele Türken, die Homosexuellen und viele andere.
Das Stück aber trägt den Titel „Der Kaufmann von Venedig“, bei Shakespeare sogar „The most excellant history oft he merchant of Venice“. Die höchst vortreffliche Geschichte des Kaufmanns Antonio wurde in der ersten Premiere bei den Haller Treppen-Festspielen erzählt – in einer Übersetzung und Bearbeitung des Professor Hübner. Eine holzschnittartige Ausformung und strenge Raffung des Geschehens kam dabei zustande, ein Shakespeare-Schauspiel ohne die Treppe verstellende Kulisse, rein und zart zugleich, mit dem Schleier der Melancholie verhangen.
Auf den 54 Stufen von Sankt Michael ein Theater, das ähnlich wie zu den Dichters Zeiten das Wort und die Aktionen nur gelten ließ. Atmosphäre boten Kirche, Treppe, Markt und Spiel. Hübner ging zurück zu den Quellen, verzichtete wie im Globe-Theatre auch auf historisierende Kostüme, zeigte Menschen in den Kleidern der Zeit – das heißt vornehmlich unseres Jahrhunderts.
Venedig gerät dabei zu London City: Geschäftsleute mit Bowler, Cut und Regenschirm spazieren über den Markt, von Geschäften kommend, Informationen austauschend, neuen Handel in Angriff nehmend. Dandys, juntge Frauen in Sommerkleiden, Jugend in Turnschuhen und lockerer Sportkleidung sind unterwegs zu vergnügen – und Juden im Kaftan oder auch schon angepasst im Gehrock treten auf. Theater ist in unserer Welt und nicht ein entrückter Platz im Lande einer unverbindlich-traumhaften Märchen-Literatur. Jochen Schiff hat keinen einheitlichen Stil in seiner Ausstattung verfolgt. Er zitierte schichtenspezifische Signale.
Die Höchst vortreffliche Geschichte des Kaufmanns: das ist bei Hübner die Geschichte eines alterndes Mannes, der für seine Sehnsucht keinen Platz mehr in der venezianischen Gesellschaft findet. Antonio ist ein ehrenwerter Bürger und Kaufmann, mit allen Rechten, ein Händler, dessen Geschäfte mal gut, mal weniger laufen.
Auf jeden Fall ist er ein reicher Müßiggänger, der in den veräußerlichen Normen der Stadt verankert ist. Seine Seele jedoch ist geschunden – von einer Liebe, die keine Erfüllung mehr findet. Bassanio, das Objekt seiner Anbetung, saugt ihn aus, nimmt ihm Kraft, sein Geld.
Die Stärke bei diesem Außenseiter ist wie bei beim Juden der allgemeine anerkannte Werte der venezianischen Gesellschaft: Kapital. Shylock: „Ihr nehmt mein Leben, wenn ihr die Mittel nehmt wodurch ich lebe.“ Abgespeist mit einem Dankeskuss, der Sekunden geheimer Erotik in sich trägt, dessen fruchtbare Fortsetzung aber bei Bassanio einer Frau gehört. Die sichere Stütze für Kaufleute ist Geld, mit dem Triebe befriedigt werden können, aber keine gekauft werden kann.
Der Jude Shylock, des Kaufmanns Widersacher, ist gleichsam einsam. Wenn auch das Scheitern des Juden existentieller ist, so wird in der Hübner-Inszenierung Shylock letztlich lebendiger: er lebt mit Gut und Geld in seiner mit einem Christen verheirateten Tochter. Antonio verdorrt kinderlos in seinem wiedergefundenen Reichtum. Shakespeare radikal genau interpretiert.
Das Bespucken und Beleidigen ohne Grund, das Shylock durch Antonio erfahren muss – das scheint ein zwangsläufiger Hass. Der Unterdrückte braucht seinen Juden. Der nur formell in der Gesellschaft anerkannte Homosexuelle Antonio wird von Walther Reyer in einer äußerlich lauten, Schwächen übertüchenden Figur geboten: die Depression als begleitender Schatten.
Gläubig naiv im doppelnden Sinn des Wortes setzt der Ostberliner Schauspieler Wolf Kaiser seinen Shylock in schwerfällige Bewegung: gläubig im Geschäft, gut und langsam rechnend, mehr als zwei logische Schlüsse sauber verbindend. Gleichzeitig steht dieser Jude fröhlich in der religiösen Tradition seines Volkes, Geschichten erzählend – und während des Erzählens daraus lernend. Er ist damit nie zornig à priori, sondern denkt sich in seinen Zorn, die dann als Summe der Taten anderer in ihm Emotionen weckt.
Dieser Jude kann leicht vergeben um des lieben Friedens willen. Als der Peiniger Antonio von ihm borgen will, nimmt er keine Zinsen, nur ein Pfund Menschenfleisch als Pfund, aus purem Spaß am neuen Frieden. Die Rache wird ihm von einem der Antonio-Freunde durch die Entführung seiner Tochter aufgezwungen.
Somit ist die koexistente Welt des Juden auf Sand gebaut. Der Spaß wird zu seiner Schande, weil es nicht mehr sein Spaß ist. Er scheitert am Buchstaben des papiernen Gesetzes, weil er nicht zwischen den Zeilen lesen kann, die Gründe der Macht im Staate von ihm nicht mitgedacht wurden.
Staunend und nahezu sprachlos lässt Kaiser seinen Shylock die Trümmer anschauen, die durch sein fehlerhaftes Denken entstanden sind. Einsam schleicht er sich in die Ruinen seines Seins. Sieger auf ganzer Linie ist die junge Generation, die schmarotzenden Erben, die in der Hübner-Inszenierung puppenhaft steif, ohne Charakter bleiben.
Jahrhundertelang lachte das Theaterpublikum über den Shakespeare-Juden, der als komische Figur gezeichnet wurde. Viel von den skurrilen Greisen der Commedia steckt ja in ihm. Aber der völkermordende, deutsche Antisemitismus ist nicht auslöschbar. So bricht auch die Hübner die Komödie. Das lockere Leben der Jugend wirkt daher umso oberflächlicher, verantwortungsloser.
Als dritte tragende Figur – neben Shylock und Antonio – tritt in der Haller Inszenierung Ilja Richter als Diener des Shylock, Lanzelott Gabbo, auf. Ein genau arbeitender Komiker lässt auf der Treppe ein virtuoses Feuerwerk an sprühenden Einfällen, beinahe eine Shakespeare-Rüpel-Parodie ablaufen. In wohlgeformter, abgezirkelter Pantomime und Akrobatik wird ein Extra-Schauspiel geboten, das seinen Höhepunkt im Wiedersehen mit dem blinden Vater Gabbo hat, der von Christine Plonka sabbernd-Kreischend als bettelarmer Greis fröhlich geboten wird. Einen drauf setzt Richter wenige Momente später mit seinem Prinzen Marokko, der mit seinem Franz-Deutsch gelegentlich in einen Werbesprüche-Arabisch abgeleitet. Die Klamotte lässt freundlich grüßen.
Torsohaft blieb die Richter-Komik jedoch im Gesamterscheinungsbild der Inszenierung. Nur in der Gerichtsszene wurde nochmals versucht, hier anzusetzen: In einer Travestie, Frauen als gelehrte Juristen, die in der Übertreibung steckenblieb. Schauspieler-Gelächter auf der Treppe in peitschender Aufgesetztheit: Komödie ist, wenn Zuschauer lachen über gefährdete, bedrohte, dem Untergang nahe Personen auf der Bühne.
Humor- und wirkungsvoll Dagegen waren die verfressenden Menschen-Pfauen im Garten der Portia, der Doge auf seinem Menschfleisch-Thron, die Gongs als Szenenabschlüsse. Hier bot sich ein Ansatz, der die Komödie kritischer und spritziger gemacht hätte.
Kurt Hübner inszenierte vor drei Jahren auf der Treppe die Geschichte des Juden Nathan. Sie findet im Kaufmann ihre Fortsetzung: eine Minderheit klagt Menschlichkeit ein. Die klingende Heiterkeit der Shakespeare-Komödie bleibt damit zwangsläufig außen vor.
Kurt Hübner wählte den Kompromiss: im Komödienhaften ist bei ihm immer der Anflug von Tristesse, das Misstrauen vor dem Lachen der Masse. Ein Kaufmann in der Sogwirkung einer Tragikomödie: nach dem Fest und dem Zorn bleibt der Alltag, die Einsamkeit der Gewinner und Verlierer.
Süddeutscher Rundfunk, Kulturreport, Samstag, 23.06.1984
Neckar-Express, Nummer 26, Donnerstag 28.06.1984
Rhein-Neckar-Zeitung, Samstag, 30.06.1984
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