Hamlet auf der Treppe
Von Jürgen Dieter Ueckert
Mit Gift und Schwert wird in Schwäbisch Hall schon lange nicht mehr gemordet, wenn es um die ungeliebte Obrigkeit geht. Die vier Oberbürgermeister-Wahlen der letzten Monate in der betulichen Salzsiederstadt haben gezeigt, daß es mit anonymen Anrufen und Einsprüchen auch geht, wenn man jemanden zur Strecke bringen will, der zuvor zum „schwäbischen König“, sprich OB gekürt wurde. Ob der Intendant der Freilichtspiele Achim Plato deshalb in weiser Vorahnung die nach seinem Dafürhalten für unsere Zeit hochaktuelle Shakespeare-Tragödie „Hamlet“ als Auftaktinszenierung auf die 54 Stufen der gigantischen Treppen-Bühne vor dem Barock-Rathaus setzte? Wer weiß.
Auf jeden Fall hat er mit seiner Zweidreiviertel-Stunden-Inszierung einen Klassiker ohne Verrenkungen und modische Mätzchen auf die Treppe gesetzt, der sich in der Freilichttheater-Landschaft Baden-Württembergs und darüber hinaus sehen lassen kann. Auch wenn die Zuschauer gegen 23 Uhr nach zweieinhalb Stunden Zuschauen beim Satz „Finden Sie nicht auch, daß es hier sehr kalt ist.“, klammen Beifall spendeten. Eine viertel Stunde weniger Treppen-Spiel und der Theaterabend auf dem Haller Marktplatz wäre durchaus erträglich geworden – allein wegen der Kälte.
Vor allem der Hamlet-Darsteller Thomas Stecher, Schauspieler am Berliner Ensemble, brachte mit seiner Interpretation viel Glanz in die Inszenierung. Nicht nur daß hier endlich mal wieder ein junger Schauspieler auftrat, der verständlich sprechen konnte, sondern weil dieser Hamlet seinen Text in jugendlicher Selbstüberschätzung schwankend zwischen Intellekt und Gefühl auslebte. Er wartete förmlich lauernd auf die Reaktion seiner Mitspieler mit seinen spielerisch hingeworfenen Unverschämtheiten.
Mit verhaltener Ironie, bösartigem Sarkasmus und wehleidigem Schmerz schleuderte er seine Worte wie Pfeile ab – und traf. Das alles in rasantem Wechsel von Gefühlsschmerzen und aufbegehrendem Geist, von hektischer Betriebsamkeit und traurig-schönem Abklopfen der eigenen Befindlichkeit. Aber da kam wenig an spielerischer Reaktion von seinen Kollegen auf der Bühne. Steif und teilweise recht behäbig formten viele ihre Klassikertexte auf der Treppe.
Wenn auch zu Beginn des Abends, als der Haller Marktplatz und die Treppe noch in helles Tageslicht getaucht waren, die Mühen im Spiel und um den Text bemerkbar waren, die Nervosität auch des Hauptdarstellers oftmals amüsante Anklänge an den jungen Heinz Rühmann in seinen frühen Filmkomödien erkennen ließen, so fesselte mit einbrechender Dunkelheit das Spiel um tiefe Verletzungen und Rache doch immer mehr. Der Haller Hamlet wurde nahezu unmerklich zu einem Getriebenen seiner eigenen Worte, der nicht will, was geschieht, aber durch die sachlichen Umstände zu Taten veranlaßt wird, die er spielerisch schon längst mit Worten und letztlich in ihrer tödlichen Konsequenz nicht beabsichtigt hat.
Achim Plato beläßt die Treppe als Raum, verstellt ihn gelegentlich nur durch riesige Wehrschilder, die Orte des Geschehens andeuten, belegt die Stufen mit überdimensionalen Kissen, auf denen der dänische Hof lagert. Allein der Auftritt der Schauspieler-Truppe mit ihrem Karren, das Theater auf dem Theater, ergänzt die reale Bühnentreppe um ein Riesen-Requisit. Dieser Karren dient dann auch als Friedhof für den Totengräber, von dem Hamlet jenen Schädel überreicht bekommt, der das Stück seit Jahrhunderten illustriert: Der Hauptdarsteller räsonniert mit dem Totenkopf in der Hand über die Vergänglichkeit. Verfälschende Romantiktradition, in so manche Stadttheater und deutsche Intellektuelle gern „ihren Hamlet“ sehen, schimmerte in Schwäbisch Hall gelegentlich durch – wenn auch sehr verhalten.
Makaberer britischer Humor in einem politischen Drama aber kam kaum zum Tragen. Dafür hatte sich die Inszenierung zu ehrfürchtig, demutsvoll und ängstlich dem Klassiker Shakespeare genähert – und den subtilen und schwarzen Shakespeare-Humor nicht ernst genug genommen. Auch wenn etwas faul ist im Staate Dänemark und die Moral verrottet scheint, Prinz Hamlet ist ja nicht nur ein tragischer Held, sondern darüber hinaus ein höchst amüsanter Unterhalter, der mit Friedhofshumor den Lauf seiner Welt wider die konservative Sitte und die politische Vernunft kommentiert – und daran folgerichtig auf einer leichengepflasterten Bühne zugrunde geht.
Unter den Texten in Schlegel-Übersetzung wimmerte und waberte in Hall gelegentlich die Musik von Michael Fuchs sphärisch dahin, oft dröhnte sie zu laut aus den Boxen neben der Kirche Sankt Michael und ließ die Sprache der Schauspieler unverständlich werden. Der Geist von Hamlets Vater (Peter Panhans) in seiner grauen Horrorerscheinung mit wüster Grabesstimme erinnerte doch mehr an Walt-Disney-Märchenfilme. Mozarts Don Giovanni winkte merklich durch die Torbögen der Kirche Sankt Michael zu Hall. Schaurig wie im Puppentheater – eben märchenhaft nett.
Seltsam wurstig und kleinbürgerlich spießig gaben sich das Königspaar von Dänemark – Kurt Sternik als Claudius und Heidemarie Wenzel als Gertrud. Und Ophelia, die Liebende und weiblicher Spielball Hamlets, hatte in Julia Christina eine hypersensible und schrille Darstellerin, die somit wirklich nur als willfährige Tochter ihres recht dämlichen Vater Polonius (Paul Weismann) auftritt. Daß sie mit dieser Haltung Hamlet nur nervte, war nicht verwunderlich und durchaus verständlich. Das soll ja auch im wirklichen Leben gelegentlich vorkommen. Aber im Verhältnis Hamlet-Ophelia könnte mehr als dieser flache Aspekt liegen.
Kennzeichnend für die Absicht der Inszenierung: Der überaus schlicht vorgetragene Monolog „Sein oder Nichtsein“. Hamlet spaziert mit bloßen Füßen geradeaus die Treppe herunter – auf einem von einem Scheinwerfer gekennzeichneten Weg, Stufe um Stufe, Satz um Satz. Das ist konzentriert, spannend und die Worte gewinnen eine Kraft, die fesselt und dankbar vom Publikum mit begeistertem Beifall belohnt wird. Wer den englischen Dramatiker Shakespeare und deutsches Freilichttheater mag, der sollte sich diesen Haller Hamlet anschauen. Nicht nur wegen des herausragenden Hauptdarstellers, der sein Drama wie einen spannenden Psycho-Krimi darlegt, sondern auch wegen der einmaligen Marktplatz-Kulisse, in der nun schon seit 72 Jahren auf einer grandiosen 54stufigen Kirchentreppe Theater gespielt wird.
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